Inhaltsverzeichnis
Sonntagsfrage zur Bundestagswahl, garantiert unaufgeregt
Auf dieser Seite findet ihr die Ergebnisse der Sonntagsfrage der gängigen Wahlforschungsinstitute (hier Allensbach, Emnid, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen, GMS, Infratest, dimap, INSA, Ipsos und YouGov) in verschiedenen einfach zugänglichen Ansichten. Neu: Eine Monte-Carlo-Simulation, die aus dem aktuellen Umfrage-Trend Sitze, Koalitionen und Mehrheiten durchrechnet. Die Datenquelle ist http://www.wahlrecht.de.
Alle Charts werden mehrmals am Tag aktualisiert und Ihr könnt jedes Chart zur Vergrößerung anklicken.
Motivation
Ihr habt keine Lust mehr, die Bundestagswahl-Umfragen nachzuverfolgen und verschiedene Institute zu vergleichen? Ich auch nicht. Außerdem geht es mir auf den Nerv, dass in der Presse jede neue Umfrage reißerisch als neue Wahrheit verkauft wird – das gerne auch in Relation zu einer kurz zuvor erfolgten Umfrage eines ganze anderen Institutes.
"Rückschlag für Union und SPD" titelt beispielsweise die FAZ. Damit meint sie zwei Datenpunkte, nämlich die damals aktuellen Umfragen von Bild am Sonntag und Emnid. Dass in den vergangenen Tagen etliche weitere Datenpunkte von anderen Instituten gesammelt wurden, betrachtet sie nicht. Dabei liegt die Wahrheit vermutlich irgendwo in der Mitte zwischen diesen Instituten. Die FAZ war jetzt ein Zufallsopfer von mir – So läuft es im Grunde überall. Einzelne Messpunkte werden als Wahrheiten betrachtet und im Titel aufgebauscht.
Die Konsequenz? Wer sich informieren will, muss selbst ran. Und wenn man sich die Infos erarbeitet hat, kann man sie ja auch gleich weitergeben. Ich versuche meine Auswertung im Vergleich zur Tagespresse genau andersrum zu machen. Einzelne Datenpunkte wiegen relativ wenig, vielmehr sieht man stabilere Trends.
Schlagzeilen der Stunde, garantiert aufgeregt!!1
Damit ich mir nicht immer den Vorwurf „Nerd macht spannende Presse langweilig“ anhören muss, gibt es hier vor den eigentlichen Auswertungen noch ein paar automatisch aus den Daten generierte, reißerische Schlagzeilen, damit niemand etwas vermisst.
Das funktioniert so: Ich wähle zwei verschiedene Umfragen aus der jüngsten Vergangenheit (dürfen nicht beide vom selben Tag kommen). Danach werden die Veränderungen der Prozentwerte zwischen beiden Umfragen ermittelt, als alleinige Wahrheit gesehen, und zwar auch dann, wenn zeitgleiche Umfragen die gegenteilige Aussage haben, und das ganze aufgebauscht. Wohl bekomm's!
Auswertung der Sonntagsfragen
Sonntagsfrage für die letzten 90 Tage
Wenn ihr nur die letzten 90 Tage betrachtet, könnt ihr sehr gut aktuelle Trends erkennen. Die Punkte sind einzelne Umfragen. Die Linie ist der gleitende Mittelwert. In dieser sehr detaillierten Ansicht sind die Datenpunkte nicht als Punkte dargestellt, sondern als Abkürzungen der Institute, von denen sie kommen. So könnt ihr auch direkt sehen, ob Parteien bei bestimmten Instituten systematisch besser oder schlechter wegkommen als bei den anderen, also immer deutlich über oder unter der Durchschnittslinie liegen. (Eine systematische Auswertung der Institutsschlagseiten findet sich weiter unten). Institute: Allensbach, Dimap, Emnid, Forsa, GMS, Insa, Ipsos, Politbarometer, Yougov.
Die aktuellsten 7 Tage (und damit die, von deren Werten der aktuelle Durchschnitt, also der aktuellste Linienpunkt kommt), sind grau unterlegt. Damit wir genauer sehen können, wie sich die kleineren Parteien entwickeln, hier der gleiche Plot, nur mit Fokus auf den niedrigeren Prozentbereich (Achtung: Y-Achse beginnt hier nicht bei null, damit man mehr sieht).
Bei genauem Hinsehen werdet ihr zusätzlich zu den dicken Durchschnittslinien sehr feine Linien erkennen. Diese verfolgen die Datenpunkte der aktuellst geupdateten Institute nach, so kann man diese direkt institutsintern mit ihren Vorgängern vergleichen.
Sonntagsfrage seit der Bundestagswahl 2025
Wir zoomen raus – hier nun eine zeitlich weiter gefasste Ansicht: Sonntagsfragendaten seit der Bundestagswahl 2025, mit kleineren Punkten für die einzelnen Umfragen.
Auch hier gibt es wieder eine Ansicht mit Fokus auf die kleineren Parteien (Wieder beginnt hier die Y-Achse nicht zwangsläufig bei null).
Sonntagsfrage seit 1998
Und zum Schluss noch die ganz große Ansicht: Alle Sonntagsfragenwerte seit 1998.
Schön zu sehen links unten ein paar rechte Parteien der späten Neunziger, hier alle gleich braun eingefärbt. Den verschiedenen Vorläufern der Linkspartei habe ich zur besseren Zuordnung die gleiche Farbe gegeben wie der Linkspartei (violett).
Man sieht schön das Hoch der Grünen nach Fukushima, den kurzen Höhenflug der Piratenpartei (orange), den Weg der FDP zu Rock Bottom nach 2010, den „Schulz-Zug“ der SPD vor der Wahl 2017, sowie die Baerbock-Bahn und den Laschet-Schlafwagen vor der Wahl 2021.
Anmerkungen zur Trendberechnung
Für jede Partei nehme ich die Umfragewerte aller Institute gleichzeitig. Um eine einigermaßen glatte Linie für jede Partei zu berechnen, gucke ich für jeden Tag, welche Umfragewerte für eine Partei in 15 Tagen (7 vor dem Tag, 7 nach dem Tag, und den Tag selbst) veröffentlicht wurden. Aus diesem „gleitenden Fenster“ von Umfragewerten bilde ich den Mittelwert („gleitender Mittelwert“). Die gleitenden Mittelwerte für jeden Tag ergeben dann die gezeichnete Linie für jede Partei. Das bedeutet, dass die Aktuellsten Punkte der Linien nur die Umfragewerte der aktuellsten 8 Tage zurückgreifen (die zukünftigen 7 Tage des Fensters ist ja leer).
So erhält man eine stabile Linie, die auf einzelne Ausreißer anders als die Presse wenig Rücksicht nimmt, und gleichzeitig ein leicht stärkeres Gewicht aktueller Umfragewerte am aktuellen Ende der Linie, was aktuelle Tendenzen gut sichtbar macht.
Bei den detailreicheren Plots findet ihr um die Linien herum noch Buchstaben in den Parteifarben. Das sind die einzelnen Umfragewerte, und der Buchstabe repräsentiert das Quellinstitut. So habt ihr direkt einen Eindruck von der Streuung der Originaldaten und von den Tendenzen einzelner Institute, die durchaus vorhanden sind.
Von der Umfrage zum Parlament: die Monte-Carlo-Simulation
Bis hierher habt ihr gesehen, wo die Parteien stehen. Aber eine Umfrage ist noch kein Parlament. Zwischen „eine Partei steht bei X Prozent„ und „so sähe der Bundestag aus“ liegt eine Menge: die 5%-Hürde (ein harter, binärer Schalter – ein halber Prozentpunkt entscheidet über drin oder draußen, und wenn dabei mehrere Prozent rausfliegen, verschiebt das gleich das ganze Parlament), die Sitzzuteilung, und vor allem die Unsicherheit, die in jeder Umfrage steckt. Genau diese Kette rechne ich jetzt durch – nicht einmal, sondern zwanzigtausendmal, jedes Mal ein bisschen anders. Heraus kommt keine einzelne Prognose, sondern eine Wahrscheinlichkeitskarte: welches Parlament, welche Koalition, welche Mehrheit – und mit welcher Chance. Und das Schöne: Diese Auswertung aktualisiert sich mit den Umfragen automatisch mit.
Die Methode heißt Monte-Carlo, benannt nach dem Spielcasino. Würfeln, bis der Arzt kommt.
Alle folgenden Grafiken beziehen sich auf den aktuellen, geglätteten Umfrage-Trend von oben (Bundestag, 630 Sitze, Sitzzuteilung nach Sainte-Laguë).
Was „Monte-Carlo" eigentlich heißt
Zurück zum Umfrage-Chart von oben, denn an ihm erkläre ich euch die ganze Methode. Der wichtigste Punkt, den die Tagespresse gerne unterschlägt: Ein Umfragewert ist nie exakt. Ein Institut befragt nur rund tausend Leute; schon daraus ergibt sich eine Unschärfe, weil diese tausend vielleicht trotz aller Bemühungen leicht anders „abstimmen„ als das Gesamtvolk. Diese Unschärfe nenne ich die Schwankungsbreite: So weit kann der wahre Wert erfahrungsgemäß nach oben und unten daneben liegen – in etwa 19 von 20 Fällen (Statistiker nennen das ein 95%-Konfidenzintervall; und ja, häufiger liegt der Wert in der Mitte dieser Spanne als am Rand, auch das bilde ich nach).
Und genau daraus entsteht Monte-Carlo. Die Idee ist verblüffend simpel: Wenn ich nicht genau weiß, ob eine Partei bei 4 oder 6 Prozent steht, dann tue ich nicht so, als wüsste ich es – sondern ich würfle jedes Mal einen Wert aus genau dieser Schwankungsbreite. Für jede Partei, in jedem Durchlauf. Ein einzelner solcher Wurf ist ein möglicher Wahlabend. Zwanzigtausend Würfe später habe ich zwanzigtausend mögliche Wahlabende – und kann auszählen, was oft passiert und was selten. Die Unsicherheit ist also nicht Beiwerk, sie ist der eigentliche Motor der ganzen Rechnung.
In dieser Grafik seht ihr die Umfragewerte als Balken und die Schwankungsbreite als schwarze Antennen obendrauf; die gestrichelte rote Linie ist die 5%-Hürde. Interessant wird es überall dort, wo eine Antenne quer über die 5%-Linie reicht: Ob so eine Partei rein- oder rauskommt, ist echte Münzwurf-Gegend – und ein einziger dieser Münzwürfe kann die Mehrheitsverhältnisse kippen.
Wie ein Wahlabend simuliert wird
Ein simulierter Wahlabend besteht aus drei Schritten:
- Würfeln: Jede Partei bekommt einen Zufallswert aus ihrer Schwankungsbreite – nah am Umfragewert häufiger, weiter weg seltener.
- 5%-Hürde: Wer unter 5% landet, fliegt raus und bekommt keine Sitze. Die übrigen Stimmen zählen dann nur noch untereinander (deshalb hebt so ein Rausflug alle anderen ein Stück).
- Sitze verteilen: Aus den verbliebenen Stimmen werden nach dem Sainte-Laguë-Verfahren (das der Bundestag verwendet) die 630 Sitze berechnet.
Das machen wir zwanzigtausendmal. Kein einzelner Durchlauf ist „die Wahrheit“ – aber die Verteilung über alle Durchläufe zeigt, was wie plausibel ist. Ab hier zählen wir nur noch aus.
Wer kommt überhaupt rein?
Die erste Frage: Wie oft schafft jede Partei die 5%-Hürde? Bei den Großen ist das langweilig (immer), bei den Wackelkandidaten die entscheidende Frage überhaupt.
Eine Partei, die in der Umfrage genau auf 5% steht, landet hier bei etwa fifty-fifty – logisch, sie steht ja auf der Kippe. Minimale Abweichungen von den 50% sind übrigens durch den Zufall der Simulation möglich. Parteien knapp darunter kommen entsprechend seltener rein, knapp darüber häufiger. Welche Parteien das im Moment betrifft, seht ihr an den Balken, die nicht bei 100% oder 0% kleben. Wichtig: Genau bei diesen Wackelkandidaten hätten schon kleine Verschiebungen in den Umfragen eine große Wirkung – diese Werte sind die volatilsten der ganzen Analyse.
Wie viele Sitze werden es?
Jetzt die Bandbreite der Sitze pro Partei über alle simulierten Wahlabende. Das ist ein sogenannter Boxplot, und weil den nicht jeder täglich liest, habe ich ihn selbsterklärend beschriftet:
Lest ihn so: Die helle Linie mitten im farbigen Kasten ist der typische Wert (der Median). Der Kasten umfasst die mittlere Hälfte aller Ergebnisse – die „ganz normalen„ Wahlabende. Die Antennen oben und unten spannen fast alles auf (die mittleren 90% der Fälle). Die rote Linie ist die absolute Mehrheit (316 von 630 Sitzen). Kästen, die bis auf null heruntergehen, gehören zu den Wackelparteien – mal drin, mal draußen.
Welche Parlamente sind wahrscheinlich?
Jeder Durchlauf liefert eine bestimmte Menge von Parteien, die es reingeschafft haben. Wir zählen, welche dieser Zusammensetzungen wie häufig vorkommt – so viele, bis sie zusammen 95% aller Fälle abdecken.
Hier steckt implizit der ganze Hürden-Münzwurf drin: Parlamente unterscheiden sich oft nur dadurch, ob eine Wackelpartei diesmal drin ist oder nicht. Und je mehr Parteien gerade an der 5%-Kante stehen, desto mehr solcher Varianten gibt es.
Koalitionen -- und wer mit wem (nicht) kann
Jetzt wird es politisch. Ich gruppiere die Wahlabende jetzt danach, welche Mehrheits-Bündnisse überhaupt möglich sind (nicht mehr danach, wer bloß reinkommt), und liste je Gruppe – einem „Szenario“ – die minimalen Gewinnkoalitionen auf: Bündnisse mit Mehrheit, bei denen keine Partei überflüssig ist. Jede Koalition ist ein Balken; rechts daneben klebt ein Etikett, was von der Kombination zu halten ist.
Denn eine Mehrheit auf dem Papier ist ja noch keine Regierung. Manche Parteien wollen, zumindest vor der Wahl, partout nicht miteinander. Das ist mathematisch schwerer greifbar, deshalb bilde ich es transparent in drei Stufen ab – bewusst als Kosten, nicht als Verbote. Erstens analysieren wir hier unaufgeregt und nehmen alle verfügbaren Daten, und zweitens wissen wir alle, was politische Versprechen im Zweifel wert sind.
- Rot – ein formaler Beschluss würde gebrochen. Es gibt in Deutschland nur eine Partei mit echten, auf Parteitagen gefassten Unvereinbarkeitsbeschlüssen: die Union, und zwar gegenüber der AfD (die „Brandmauer“) und gegenüber der Linken. Eine Koalition, die das bräche, wird konkret benannt.
- Orange – unwahrscheinlich. Die anderen Parteien lehnen die AfD zwar deutlich ab, haben aber (soweit ich weiß) keinen formalen Beschluss gefasst. Eine starke, informelle Absage – aber kein gebrochenes Versprechen.
- Gelb – ideologisch spannungsreich. Reine Gegensätze, ohne dass jemand die Zusammenarbeit ausgeschlossen hätte.
Ehrlicher Hinweis, weil es mich selbst überrascht hat: Falls ich mit „nur die Union hat formale Unvereinbarkeitsbeschlüsse“ danebenliege, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren. Nach meiner Recherche ist es aber so.
Achtung: Ich zeige hier bewusst nur die häufigsten Szenarien (zusammen rund 90 % der Fälle), nicht alle – am Bund gibt es nämlich sehr viele verschiedene Koalitions-Menüs, und die vollständige Liste würde das Bild unlesbar lang machen. Wer die Wahrscheinlichkeit aller einzelnen Koalitionen sehen will (auch der selteneren), findet sie gleich im nächsten Chart zusammengefasst. Auch rote und orange Koalitionen werden gelistet – sie bekommen eben nur ihr Etikett. Die rote Klassifizierung ist eindeutig; ob ihr bei der orangen mitgeht, müsst ihr selbst entscheiden. Nehmt euch für dieses Chart ruhig Zeit – es trägt die meisten Informationen des ganzen Artikels.
Wie wahrscheinlich ist welche Koalition?
Statt pro Szenario können wir auch über alle Durchläufe fragen: Wie oft hat eine bestimmte Koalition überhaupt eine Mehrheit (heller Balken), und wie oft ist sie eine minimale Gewinnkoalition (dunkler Balken)? Rot beschriftet sind wieder die, die einen formalen Beschluss brächen.
Ganz oben stehen die Bündnisse, die am häufigsten die knappste Mehrheit bilden (dunkler Balken) – beim Bund sind das meist Dreierkoalitionen, weil bei so vielen Fraktionen selten zwei allein reichen. Und hier zeigt sich das Grundmuster der aktuellen Lage: Die rechnerisch mächtigsten Kombinationen sind oft genau die, die politisch verrammelt sind (rot oder orange). Rechnerische Macht und politische Machbarkeit fallen auseinander.
Der Königsmacher: Wer ist das Zünglein an der Waage?
Größe ist nicht alles – entscheidend ist oft, wer kritisch für eine Mehrheit ist. Eine Partei ist in einer Koalition „kritisch“, wenn ohne sie die Mehrheit kippt. Zählt man das über alle möglichen Koalitionen und alle Wahlabende, bekommt man ein Maß für die echte Verhandlungsmacht – rein rechnerisch.
Eine kleine Partei, die ständig das Zünglein an der Waage ist, könnte hier durchaus mehr Macht anzeigen als eine große am Rand. Solange die AfD so stark ist wie derzeit, ist sie rechnerisch der Dreh- und Angelpunkt fast jeder Mehrheit – die mit Abstand mächtigste Verhandlerin am Tisch. Ob jemand mit ihr verhandelt, ist allerdings eine ganz andere Frage. Und die führt uns zum eigentlich interessanten Punkt.
Die Zwickmühle: Wer zahlt einen Preis für eine Mehrheit?
Für den nächsten Chart teile ich die Parteien in zwei grobe Lager: eher rechts (Union, FDP, AfD) und eher links (Grüne, SPD, Linke). Das BSW lässt sich nicht sauber zuordnen und bleibt darum hier mathematisch neutral.
Bemerkung zur Methodik: Die Lager sind eine zusätzliche Auswertungsebene; die eigentliche Rechnung behandelt jede Partei einzeln. Dass die Achse Rechts/Links nicht der Weisheit letzter Schluss ist, ist bekannt; man könnte auch anders schneiden, etwa an international gebräuchlichen politischen Achsen (liberal/autoritär) oder Drittkriterien (erhaltene Vorschläge waren z. B. Einstufung des Verfassungsschutzes, umgekehrt habe ich auch den Vorschlag erhalten, bestimmte Parteienpaare wie CDU und AfD zu mergen). Am Kern ändert das alles nichts. Wir werden es hier nicht jedem Geschmack recht machen, die AfD bleibt der isolierte Dreh- und Angelpunkt, und die Königsmacher- und Beschlussbruch-Zahlen sind vom Schnitt völlig unabhängig. Auch das nun folgend beschriebene Dilemma der CDU bleibt: Sie erreicht eine eigene Mehrheit über die AfD oder die Linke, und gegen beide hat sie einen formalen Beschluss – egal, wie man die Lager zieht. Am Ende habe ich mich daher für die klassischen Achsen rechts/links entschieden, denn wenn man in der Statistik eine Spalte hinzuerfindet sollte man die einfachste und am klarsten verankerbare nehmen (Ockhams Rasiermesser). Sonst macht man Statistik nach Gusto und setzt sich dem Verdacht aus, die Gruppierungen so zurecht zu biegen, dass das Ergebnis passt. Rechts/Links ist in der bei allen Schwächen der gebräuchlichste Bezugsrahmen in Deutschland mit einem allgemein anerkannten Ankerpunkt „Mitte“. Was jetzt die Mitte ist, weiß lustigerweise niemand genau aber allgemeine Einigkeit herrscht trotzdem darüber, was rechts und was links der Mitte ist (außer beim BSW). Die Achse passt außerdem, weil die Koalitionsabsagen sehr deckungsgleich mit dieser Linie sind.
Jetzt zum Stoff. Die Frage ist: Was bedeutet die Isolation der AfD für die anderen Parteien? Der Chart zählt für jede Partei, wie sie zu einer Regierung käme: grün = ein Weg ohne eigenen Preis; orange = müsste ins andere Lager, obwohl das eigene rechnerisch eine Mehrheit hätte; rot = müsste einen eigenen Beschluss brechen.
Und da leuchtet meist eine einzige Partei auf: die Union. Sie ist die einzige, die für fast jede Mehrheit einen Preis zahlt – weil sie als einzige formale Beschlüsse gegen beide Flanken hat (AfD und Linke), gleichzeitig im eher rechten Lager ist, aber eben auch lange nicht stark genug, um allein zu regieren. Wenn sie nicht gerade eine absolute Mehrheit hat, muss sie ins eher linke Lager ausweichen oder die eigene Brandmauer brechen. Beide Alternativen erzeugen nennenswerte Wählermengen, die sich über die CDU im Anschluss ärgern. Alle anderen Parteien stehen dagegen komfortabel im Grünen.
Die Simulation entscheidet diese Frage nicht; sie zeigt nur, warum ausgerechnet die Union strukturell in der Klemme sitzt. Sie ist sozusagen zerrissen zwischen diesen beiden Ansichten und Welten und kann ihre Macht nur zum eigenen Ärger einsetzen, während alle anderen von ihr profitieren.
Wer kann mit wem allein regieren?
Eine kompakte Übersicht: Für jedes Parteienpaar die Wahrscheinlichkeit, dass die zwei allein zusammen eine Mehrheit haben. Auf der Diagonalen steht, wie oft eine Partei ganz allein die absolute Mehrheit holt. Die farbigen Umrandungen zeigen wieder die Absagen (rot = formaler Beschluss, orange = unwahrscheinlich, gelb = ideologisch).
Ihr findet die stärkste Partei in fast jeder „heißen„ Zelle – und derzeit ist fast jede davon rot oder orange umrandet. Genau das ist das Muster der aktuellen Lage: rechnerische Macht, politisch verrammelt.
Anmerkungen zur Simulation
Ein paar ehrliche Worte zu den Annahmen, damit ihr die Ergebnisse richtig einordnet:
- Die Schwankungsbreite. Meine Unsicherheit ist etwas größer als der reine Stichprobenfehler aus dem Lehrbuch. Das ist Absicht: Echte Umfragen streuen erfahrungsgemäß stärker als die Theorie (Institutseffekte, Meinungsschwankungen). Ich habe den Aufschlag an den tatsächlichen Trefferquoten der Institute geeicht.
- Die 5%-Hürde nehme ich „pur“. Ohne Grundmandatsklausel, ohne Überhang- und Ausgleichsmandate. Deshalb rechne ich mit der regulären Parlamentsgröße von 630 Sitzen.
- Koalitionen sind rein rechnerisch. Ich verbiete nichts hart, sondern klebe nur Etiketten dran. Was „unmöglich„ ist, entscheidet ihr – ich liefere die Zahlen. Diese Seite dient keiner politischen Richtung; ich habe schlicht Spaß an der Analytik und lasse andere daran teilhaben.
- Über ein Parteiverbot entscheidet allein das Bundesverfassungsgericht. Bis dahin ist eine Partei wählbar und wird ganz normal mitgezählt – eine Umfrage-Auswertung, die eine wählbare Partei rausrechnet, wäre keine saubere Statistik mehr. Ich hatte Vorschläge in diese Richtung erhalten, darum schreibe ich das hier.
- „Sonstige“ ist ein Sammelposten und bekommt nie Sitze; der Wert wird automatisch so gesetzt, dass die Summe 100% ergibt.
Und, wie gesagt: Falls ich bei den Unvereinbarkeitsbeschlüssen danebenliege oder ihr die Lager anders schneiden würdet – her mit den Zuschriften. Das ist alles eine Frage der Eingaben, und die sind schnell geändert.
Schlagseitenanalyse für alle Institute
Wenn man die obigen Trend-Charts anguckt, fällt auf, dass manche Parteien bei manchen Instituten sytematisch besser oder schlechter wegkommen als der Durchschnitt. Prominentes Beispiel: Die Datenpunkte der Grünen vom Institut „Politbarometer“ liegen systematisch deutlich über der Durchschnittslinie. Das hat mich nun für alle Institute und Parteien interessiert! Welches Institut hat welche Schlagseite bei welchen Parteien?
Hierfür gibt es die nachfolgenden Plots – für jedes Institut eins. Gemessen wird die Differenz von jedem Datenpunkt des Institutes zur Durchschnittslinie in meinen zeitlichen Verlaufsplots. Diese Plots stellen dann Verteilungen dieser Differenzen für jede Partei dar. Ist für eine Partei eine Verteilung stark über Null (also rechts), so kommt diese Partei in diesem Institut systematisch besser als der Durchschnitt weg. Ist die Verteilung stark unter Null (also links), bewertet das Institut die Partei systematisch eher schlechter als der Durchschnitt. Unser obiges beispiel mit den Grünen beim Politbarometer sorgt also dafür, dass die Grünen im Politbarometerplot einen Verteilungshaufen deutlich rechts der Null aufweisen. Dadurch, dass Verteilungen geplottet werden, kann man auch direkt sehen, wieviel Varianz in den Bewertungen pro Partei im Vergleich zur Durchschnittslinie ist.
Verteilungen, die stark von der Norm abweichen, sind automatisch hervorgehoben (dickere Linie und Füllung), so dass man auf den ersten Blick sehen kann, welche Parteien bei welchem Institut interessant zu betrachten sind. Zugrunde liegen Datenpunkte der letzten zwei Jahre.
Neuere Parteien mögen noch nicht genug Datenpunkte haben, um hier aufzutauchen.
Zum guten Schluss gibt es noch eine Zusammenfassung der Durchschnittswerte aller Schlagseiten aller Institute als Heatmap (in Rot-Blau wegen der Farbenblinden). Der Witz an dieser Visualisierung ist, dass die Institute nach Ähnlichkeit der Schlagseiten geordnet sind.
Updates (Danke für eure Zuschriften!)
07.08.2026
- Großes Update: Monte-Carlo-Simulation hinzugefügt. Aus dem aktuellen Umfrage-Trend werden Einzugswahrscheinlichkeiten, Sitzverteilung, mögliche Parlamente, Koalitionen (mit Absage-Stufen), der Königsmacher-Index und die „Zwickmühle„ der Union gerechnet. Das erfüllt gleich zwei alte TODOs (linkes/rechtes Lager, Koalitionen) und hebt die Analyse auf ein ganz neues Level. Wir wollen hier ja unseren Vorsprung vor den Medien beibehalten.
- Schlagseitenanalyse ans Ende verschoben – sie ist der speziellste Teil.
- In der Heatmap der Schlagseitenanalyse die 0 auf einen neutralen Farbton verankert.
23.05.2026
- Schlagseitenanalyse bezieht sich nur noch auf die letzten zwei Jahre Daten
02.02.2024
- BSW ist drin
- Code für weitere Parteien vorbereitet
- Farben angepasst
- AfD aus den kleinen Parteien rausgenommen. Das ist kein politisches Statement, aber wenn eine alle andern im „kleinen“ Plot nach unten drückt. weil sie dauerhaft auf über 20% ist, bringts halt nix. Es ist jetzt etwas besser, ich erwäge allerdings noch, auch SPD und Grüne zu streichen. Auf der anderen Seite geht der „kleine“ Plot dann nur bis 8%. Bin unschlüssig. Die Zeit wird es zeigen. Edit: SPD und Grüne auch aus den „kleinen“ gestrichen.
23.10.2023
- Freie Wähler sind jetzt drin, wo die Institute es offiziell (und nicht nur als Teil der „Sonstigen“) hergeben.
- „Sonstige“ in den Detailreicheren Plots raus
22.10.2023
- Schlagseitenanalyse für die Institute hinzugefügt
- Heatmap aller Schlagseiten hinzugefügt
- Hilfslinien für die Nachverfolgung der Datenpunkte der aktuellst geupdateten Institute in die Detail-Plots gebaut
- Bundestagswahlen im großen Plot seit 1998 markiert (dieser Wunsch kommt schon seit drölf Jahren von etlichen Benutzern, ich war aber nie dazu gekommen. Sorry)
- Aufgrund der interessanten politischen Situation Code für das Hinzukommen von Parteien vorbereitet
Ältere Updates
(2017–2021: Schlagzeilengenerator, Nichtwähler/Sonstige, Instituts-Kürzel in den Detailplots, Layout-Verbesserungen, 90-Tage- statt 30-Tage-Ansicht, u.v.m.)
TODO
- 5%-Leitlinie bei den Plots für die kleinen Parteien
- Importvalidierung: Datum nicht in der Zukunft























