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Die Landtagswahl Sachsen-Anhalt ist aus DataScience-Sicht die interessanteste Wahl des Jahres
Große Behauptung, ich weiß. Aber lasst sie mich euch mit tausenden durchgewürfelten Wahlabenden beweisen. Ich nehme die aktuellen Umfragewerte für Sachsen-Anhalt, und wackle daran, weil Umfragen nun mal unsicher sind. Ich lasse in einer Simulation den Wahlabend zwanzigtausendmal ablaufen, jedesmal mit etwas Zufall, der die Unsicherheit simuliert. Heraus kommt eine Landkarte, welches Szenario wie wahrscheinlich ist, und zwar alle Effekte wie die 5%-Hürde miteingerechnet. Und diese Landkarte ist hier so interessant wie ich sie selten gesehen habe: Wir haben eine Partei, die mit nennenswerter Wahrscheinlichkeit ganz allein regieren könnte, ein Lager, das in 100% der Fälle eine Sitzmehrheit hat und sie trotzdem meistens verschenkt, ein anderes Lager, das in 0% der Fälle überhaupt eine Mehrheit zusammenbekommt, und vier Parteien, die so nah an der 5%-Hürde sind, dass nicht klar ist, ob sie überhaupt in den Landtag kommen oder nicht. Wenn das nicht interessant ist, dann weiß ich auch nicht.
Das obige Bild war nur ein Teaser für euch und wird später genau erklärt.
Technische Info für Interessierte: Alle Grafiken beziehen sich direkt auf die INSA-Umfrage vom 23.07.2026 (Landtag mit 83 Sitzen, Sitzzuteilung nach Hare-Niemeyer). Ihr könnt jedes Chart zur Vergrößerung anklicken. Die Sachsen-Anhalt-Wahl ist hierbei ein Testlauf: Wenn ich das Verfahren mögen lerne, kommt es in meine ständig aktualisierte Sonntagsfrage. Aber auch für die Sachsen-Anhalt war werde ich diese Seite vermutlich noch mal anhand aktuellster Umfragewerte kurz vor der Wahl aktualisieren
Warum überhaupt würfeln? Die Motivation
Ihr kennt das: Ein Institut veröffentlicht eine Umfrage, und schon prangt in der Zeitung eine fertige Sitzverteilung, als stünde das Parlament fest. Dabei ist so eine Umfrage nur eine Momentaufnahme mit ordentlich Unsicherheit – und die 5%-Hürde ist ein harter, binärer Schalter: Ein halber Prozentpunkt mehr oder weniger, und eine Partei ist drin oder eben nicht. Und wenn wegen dieses Schalters gleich mehrere Prozent Stimmen rausfliegen können, werden die Anteile der anderen Parteien dann größer, und das verschiebt im Extremfall gleich das ganze Parlament, weil andere Mehrheiten möglich werden.
Statt also so zu tun, als sei das Zahlenspiel eine Gewissheit, drehen wir den Spieß um: Wir würfeln den Wahlabend zigtausende Male durch – jedes Mal ein bisschen anders, im Rahmen der Unsicherheit – und schauen dann, was dabei typischerweise herauskommt. Diese Methode heißt Monte-Carlo, benannt nach dem Spielcasino. Würfeln, bis der Arzt kommt.
Die Eingabe -- und was "Monte-Carlo" eigentlich heißt
Zuerst die Zutaten: für jede Partei ein Umfragewert in Prozent, dazu eine Farbe, die Größe des Parlaments und das Sitzzuteilungsverfahren. Das war's schon an Eingaben. Schauen wir sie uns an:
Die bunten Balken sind die Umfragewerte – so weit, so bekannt. Aber jetzt kommt der wichtigste Punkt, den die Tagespresse gerne unterschlägt, und an dem ich euch gleich die ganze Methode erkläre: die schwarzen Antennen auf jedem Balken. Das ist die Schwankungsbreite. Eine Umfrage befragt nur rund tausend Leute; schon daraus ergibt sich eine Unschärfe, weil diese vielleicht trotz aller Bemühungen leicht anders „abstimmen“ als das Gesamtvolk. Die Antenne sagt: „So weit kann der wahre Wert erfahrungsgemäß nach oben und unten daneben liegen – in etwa 19 von 20 Fällen, im übrigen Fall liegt der Wert sogar außerhalb der Antennen.“ Darum nennen wir die Antennen auch 95%-Konfidenz-Intervalle: Mit 95% Wahrscheinlichkeit befindet sich das tatsächliche Wahlergebnis innerhalb der Antennen. Und häufiger in der Mitte der Antennen als am Rand. Bei der AfD reicht das Intervall grob von 35% bis 47%, bei der SPD von gut 2% bis rund 7%.
Und genau daraus entsteht Monte-Carlo. Die Idee ist verblüffend simpel: Wenn ich nicht genau weiß, ob die SPD bei 3% oder 7% steht, dann tue ich nicht so, als wüsste ich es – sondern ich würfle jedes Mal einen Wert aus genau dieser Antenne, wobei, wie oben, äußere Werte seltener vorkommen und auch selten mal Werte außerhalb der Antennen. Einmal landet die SPD bei 4,2%, einmal bei 6,1%, einmal bei 4,8%. Für jede Partei, in jedem Durchlauf. Ein einzelner solcher Wurf ist ein möglicher Wahlabend. Und wenn ich das zwanzigtausendmal mache, habe ich zwanzigtausend mögliche Wahlabende – und kann auszählen, was davon oft passiert und was selten. Die Fehlerbalken sind also der eigentliche Motor der ganzen Rechnung.
Die gestrichelte rote Linie ist übrigens die 5%-Hürde. Und jetzt seht ihr schon das erste Drama: Bei gleich vier kleinen Parteien um die 4-5% reicht die Schwankungsbreite quer über die 5%-Linie. Ob SPD, Grüne, BSW oder FDP reinkommen, ist statistisch Münzwurf-Gegend. Dass das bei vier Parteien gleichzeitig der Fall ist, ist eine große Besonderheit in dieser Wahl.
20.000 simulierte Wahlabende
Ein simulierter Wahlabend besteht aus drei Schritten:
- Würfeln: Jede Partei bekommt einen Zufallswert aus ihrer Schwankungsbreite. Mal etwas mehr, mal etwas weniger als der Umfragewert. Nahe um den Umfragewert gibt es mehr Zufallswerte, weiter weg weniger.
- 5%-Hürde: Wer unter 5% landet, fliegt raus und bekommt keine Sitze. Die übrigen Stimmen zählen dann nur noch untereinander (deshalb hebt so ein Rausflug alle anderen ein Stück).
- Sitze verteilen: Aus den verbliebenen Stimmen werden nach dem Hare-Niemeyer-Verfahren die 83 Sitze berechnet. (Verschiedene Bundesländer und der Bund haben teilweise verschiedene Verfahren, die Anzahl Sitze aus den Wahlergebnissen zu bestimmen, und Hare-Niemeyer ist das, was in Sachsen-Anhalt gilt).
Das machen wir zwanzigtausendmal. Kein einzelner Durchlauf ist „die Wahrheit“ – aber die Verteilung über alle Durchläufe zeigt, was wie plausibel ist – und was nicht. Ab hier zählen wir nur noch aus.
Wer kommt überhaupt rein?
Die erste Frage: Wie oft schafft jede Partei die 5%-Hürde? Bei den Großen ist das langweilig, bei den Wackelkandidaten die entscheidende Frage überhaupt.
CDU, AfD und Linke sind in 100% der Durchläufe drin. Und dann kommt die Kante: Die SPD steht bei ziemlich genau 50% – ein glatter Münzwurf, sie steht ja in der Umfrage direkt auf der Hürde. Grüne, BSW und FDP zittern heftiger, sie kommen nur in etwa jedem sechsten Durchlauf rein (rund 17-18%), denn sie stehen knapp unter der Hürde. Der Zufall muss sich sozusagen etwas mehr anstrengen, damit diese Parteien rankommen. (Änderungen in den Umfragewerten hätten hier also eine große Auswirkung.)
Wie viele Sitze werden es?
Jetzt die Bandbreite der Sitze pro Partei über alle simulierten Wahlabende. Das ist ein sogenannter Boxplot, und weil den nicht jeder täglich liest, habe ich ihn selbsterklärend beschriftet:
Lest ihn so: Die helle Linie mitten im farbigen Kasten ist der typische Wert (der Median). Der Kasten selbst umfasst die mittlere Hälfte aller Ergebnisse – die „ganz normalen“ Wahlabende. Die Antennen oben und unten spannen fast alles auf (die mittleren 90% der Fälle). Die rote Linie ist wieder die Mehrheit, hier bei 42 Sitzen.
Und jetzt schaut euch die AfD an: Ihr Kasten liegt bei etwa 38 bis 42 Sitzen, die obere Antenne kratzt an der 45. Der typische Wert sind 40 Sitze – und die Mehrheit liegt bei 42. Die AfD steht also mit einem Fuß auf der absoluten Mehrheit, ganz allein. Merkt euch das, es wird gleich wichtig. Die kleinen Parteien dagegen haben Kästen, die bis auf null heruntergehen – das sind genau die, die mal drin und mal draußen sind.
Welche Parlamente sind wahrscheinlich?
Jeder Durchlauf liefert eine bestimmte Menge von Parteien, die es reingeschafft haben. Wir zählen, welche dieser Zusammensetzungen wie häufig vorkommt – so viele, bis sie zusammen 95% aller Fälle abdecken.
Die beiden häufigsten Parlamente teilen sich fast die Hälfte aller Fälle: einmal mit SPD (30,6%), einmal ohne (29,1%), sonst gleich. Genau das ist der SPD-Münzwurf aus dem Einzugs-Chart, jetzt von der anderen Seite. Kleiner Leckerbissen für Statistik-Nerds: Das Szenario, in dem alle vier Wackelparteien gleichzeitig reinrutschen, ist das mit Abstand unwahrscheinlichste – logisch, dafür müssten vier Münzwürfe gleichzeitig aufgehen. Dafür wäre allerdings hier theoretisch vielleicht eine absolut exotische Koalition aus allen vier kleinen Parteien plus Linkspartei möglich.
Koalitionen -- und wer mit wem (nicht) kann
Erst jetzt wird es politisch. Für jedes Szenario liste ich die minimalen Gewinnkoalitionen auf: Bündnisse mit Mehrheit, bei denen keine Partei überflüssig ist (niemand nimmt mehr Partner als nötig). Jede Koalition ist ein Balken; rechts daneben klebt ein Etikett, was von der Kombination zu halten ist.
Denn eine Mehrheit auf dem Papier ist ja noch keine Regierung. Manche Parteien wollen, zumindest vor der Wahl, partout nicht miteinander. Das ist mathematisch natürlich schwerer greifbar und ich bilde es in drei Stufen ab, die ich euch transparent mache. So könnt ihr eure eigenen Gedanken dagegenhalten. Ich behandle solchen Koalitionsunwillen bewusst als Kosten, nicht als Verbote. Denn erstens analysieren wir hier unaufgeregt und nehmen dafür alle verfügbaren Daten, und zweitens wissen wir alle, was politische Versprechen im Zweifel wert sind. Also wird alles betrachtet, was sich streng mathematisch nicht wehrt.
- Rot – ein formaler Beschluss würde gebrochen. Es gibt tatsächlich nur eine Partei mit einem echten, auf einem Parteitag gefassten Unvereinbarkeitsbeschluss: die CDU, und zwar gegenüber der AfD („Brandmauer“) und gegenüber der Linken. Eine Koalition, die das bräche, wird konkret benannt, z. B. „Unvereinbarkeitsbeschluss CDU→Linke“.
- Orange – unwahrscheinlich. Die anderen Parteien lehnen die AfD zwar deutlich ab, haben aber (soweit ich weiß) keinen formalen Beschluss gefasst. Eine starke, informelle Absage – aber kein gebrochenes Versprechen.
- Gelb – ideologisch spannungsreich. Reine Gegensätze wie Linke und FDP, ohne dass jemand die Zusammenarbeit ausgeschlossen hätte.
Ehrlicher Hinweis, weil es mich selbst überrascht hat: Falls ich mit „nur die CDU hat einen formalen Unvereinbarkeitsbeschluss“ danebenliege, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren. Nach meiner Recherche ist es aber so. Wundert mich aber.
Grüne Etiketten („keine Absage“) bekommen die Koalitionen, bei denen niemand über seinen Schatten springen muss. Dazu zählen auch Alleinregierungen. Selbstzerfleischungen gibt es natürlich, werten wir hier aber nicht.
Ich blende nichts aus außer den rein mathematisch (nicht: politisch!) ganz unwahrscheinlichen Szenarien, weil sonst das Bild zu lang würde. Auch die roten und orangen Koalitionen werden gelistet und gezählt – sie bekommen eben nur ihr Etikett. Die rote Klassifizierung ist eindeutig, ob ihr mit der orangen so übereinstimmt, müsst ihr selber sehen. Wir sehen jedenfalls zwei Besonderheiten dieser Wahl:
- Das als reines Einzelszenario häufigste von allen ist schlicht „AfD allein“ (in rund einem Drittel der Fälle reicht es der AfD zur absoluten Mehrheit). Das ist der Wert, der sich stark ändern wird, wenn sich für die AfD die Wahlumfragewerte auch nur ein kleines bisschen ändern. Jedes Prozent weniger wird diese Wahrscheinlichkeit stark absenken. Das ist der Fuß auf der Mehrheit, den ich vorhin meinte, und das ist bei Wahlen bundesweit kein Alltag (es kam jedoch z.B. früher in Bayern regelmäßig bei der CSU vor, Beispiele gibt es also). Die absolute Mehrheit ist aber nur das gerade wahrscheinlichste Einzelszenario. Insgesamt ist es viel wahrscheinlicher, dass die AfD keine absolute Mehrheit erhält, dieser Fall unterteilt sich nur in die weiteren Szenarien.
- So gut wie alle Koalitionen aller Szenarien sind mit orangen oder roten Labels belastet. Ihr müsst euch das vorstellen wie einen Kindergarten, in dem alle so zerstritten sind, dass sich keine Spielgruppen finden. (Als Vater von zwei kleinen Kindern kann ich jedoch anmerken, dass Kinder sich irgendwann zusammenraufen.)
Dieses Chart ist das mit den meisten und umfassendsten Informationen des ganzen Artikels, weil ihr hier wirklich einmal sehen könnt, welche genauen Szenarien möglich sind. Nehmt euch Zeit dafür, da einmal durchzulaufen.
Wie wahrscheinlich ist welche Koalition?
Statt pro Szenario können wir auch über alle Durchläufe fragen: Wie oft hat eine bestimmte Koalition überhaupt eine Mehrheit (heller Balken), und wie oft ist sie eine minimale Gewinnkoalition (dunkler Balken)? Rot beschriftet sind wieder die, die einen formalen Beschluss brächen.
Hier steckt die ganze Tragik der Umfrage in zwei Zeilen. Ganz oben stehen CDU+AfD und AfD+Linke, weil diese drei Parteien die stärksten sind. Beide Paare haben in 100% der Fälle eine rechnerische Mehrheit. Nur – die eine bräche die Brandmauer (rot, offizieller Beschluss), die andere ist eine informelle Unmöglichkeit (die Linke würde nie mit der AfD, meine persönliche Wertung, mag falsch sein). Die AfD ist rechnerisch der Dreh- und Angelpunkt fast jeder Mehrheit, aber niemand will mit ihr. Bei der CDU kommt noch die mathematische Besonderheit hinzu, dass ausgerechnet sie der AfD von allen Parteien insgesamt am nächsten steht (siehe verschiedene Visualisierungen und Analysen der Wahl-O-Maten auf dieser Seite).
Der Königsmacher: Wer ist das Zünglein an der Waage?
Größe ist nicht alles – entscheidend ist oft, wer kritisch für eine Mehrheit ist. Eine Partei ist in einer Koalition „kritisch“, wenn ohne sie die Mehrheit kippt. Zählt man das über alle möglichen Koalitionen und alle Wahlabende, bekommt man ein Maß für die echte Verhandlungsmacht.
Das Ergebnis ist eindeutig: Die AfD ist in rund zwei Dritteln (knapp 67%) aller kritischen Situationen mehrheitsgebend, wenn man nur die Zahlen betrachtet. Rein rechnerisch dreht sich in diesem Parlament fast alles um sie – sie ist die mit Abstand mächtigste Verhandlerin am Tisch. Allerdings nur mathematisch! Ob jemand mit ihr verhandelt, ist eine andere Frage, zu der wir jetzt kommen.
Die Zwickmühle: Wer muss über den eigenen Schatten springen?
Für den folgenden Chart und einige weitere fasse ich die Parteien zu zwei Lagern zusammen: eher rechts (CDU, FDP, AfD) und eher links (SPD, Grüne, Linke). Das BSW lässt sich keinem der beiden Lager eindeutig zuordnen und bleibt neutral.
Bemerkung zur Methodik: Die Lager sind eine zusätzliche Auswertungsebene; die eigentliche Rechnung behandelt jede Partei einzeln. Dass die Achse Rechts/Links nicht der Weisheit letzter Schluss ist, ist bekannt; man könnte auch anders schneiden, etwa an international gebräuchlichen politischen Achsen (liberal/autoritär) oder Drittkriterien (erhaltene Vorschläge waren z. B. Einstufung des Verfassungsschutzes, umgekehrt habe ich auch den Vorschlag erhalten, bestimmte Parteienpaare wie CDU und AfD zu mergen). Am Kern ändert das alles nichts. Wir werden es hier nicht jedem Geschmack recht machen, die AfD bleibt der isolierte Dreh- und Angelpunkt, und die Königsmacher- und Beschlussbruch-Zahlen sind vom Schnitt völlig unabhängig. Auch das nun folgend beschriebene Dilemma der CDU bleibt: Sie erreicht eine eigene Mehrheit über die AfD oder die Linke, und gegen beide hat sie einen formalen Beschluss – egal, wie man die Lager zieht. Am Ende habe ich mich daher für die klassischen Achsen rechts/links entschieden, denn wenn man in der Statistik eine Spalte hinzuerfindet sollte man die einfachste und am klarsten verankerbare nehmen (Ockhams Rasiermesser). Sonst macht man Statistik nach Gusto und setzt sich dem Verdacht aus, die Gruppierungen so zurecht zu biegen, dass das Ergebnis passt. Rechts/Links ist in der bei allen Schwächen der gebräuchlichste Bezugsrahmen in Deutschland mit einem allgemein anerkannten Ankerpunkt „Mitte“. Was jetzt die Mitte ist, weiß lustigerweise niemand genau aber allgemeine Einigkeit herrscht trotzdem darüber, was rechts und was links der Mitte ist (außer beim BSW). Die Achse passt außerdem, weil die Koalitionsabsagen sehr deckungsgleich mit dieser Linie sind.
Jetzt aber zum eigentlichen Stoff. Warum machen wir das überhaupt? Die AfD ist rechnerisch mächtig, aber isoliert. Die relevante Frage ist, was das für die anderen Parteien bedeutet. Der folgende Chart zählt für jede Partei, wie sie zu einer Regierung käme: grün – ein Weg ohne eigenen Preis; orange – sie müsste ins andere Lager wechseln, obwohl das eigene Lager eine Sitzmehrheit hat; rot – sie müsste einen eigenen Beschluss brechen.
Und da leuchtet sie auf, ganz allein: die CDU. In 0% der Fälle hat sie einen bequemen Weg – sie steckt praktisch immer in der Klemme. Und das beleuchten wir jetzt näher, weil es in meinen Augen der analytisch interessanteste Punkt dieser Wahl ist. In rund zwei Dritteln der Fälle müsste sie ihre eigene Brandmauer brechen, die vom Kanzler tausendmal angeführt wurde (ich wiederhole meine Überraschung: Die die anderen Parteien nicht formell haben!), und ebenso oft ins „eher links“ Lager wechseln, obwohl „eher rechts“ eigentlich eine Mehrheit läge. Und gegen die Linkspartei gibt es ja auch noch einen Unvereinbarkeitsbeschluss. Alle anderen Parteien stehen dagegen komfortabel im Grünen.
Man muss es der CDU an dieser Stelle einfach lassen: Es ist schon eine gewisse Leistung, aus einer Ausgangslage, in der das eigene Lager in 100% der Fälle eine Sitzmehrheit hat, so zuverlässig keine Regierung zu basteln, danach nur noch die Wahl zwischen zwei Tabubrüchen zu haben, und für jeden der möglichen Tabubrüche dann auch noch abgestraft zu werden. So schlecht muss man erstmal verhandeln.
(Das ist übrigens keine Parteinahme, sondern das Ergebnis der Simulation: Die CDU ist hier schlicht eine Modellbesonderheit – das eine Element, das fast alle einschränkenden Randbedingungen erzeugt.)
Spaß beiseite, hier die makaber ausgedrückte Analyse auf den Punkt. Aus dieser Grafik geht direkt hervor, dass man sich insgeheim in den höheren Weihen der CDU vermutlich erhofft und ersehnt, dass die AfD die absolute Mehrheit davonträgt – denn nur dann könnte man als CDU sagen: „Da konnten wir nichts machen“. In allen anderen Fällen, und die sind deutlich wahrscheinlicher als eine absolute Mehrheit der AfD, bleibt der CDU nur ein Tabubruch in die eine oder andere Richtung – für den am Ende auch nur die CDU bezahlen wird. Denn die anderen Parteien sind ja im Chart grün.
Die analytisch faszinierende Tragikomik der CDU ist, dass sie eigentlich die mit Abstand mächtigste Partei ist – in der Mehrheit aller Wahlausgänge darf die CDU entscheiden, ob das eher rechte oder eher linke Lager an die Macht kommt. Aber sie hat sich in eine Situation manövriert, in der sie diese Macht nur zum eigenen Verderben nutzen kann, während alle anderen Parteien von ihr profitieren. Ich weiß nicht, ob es so eine Spezialkonstellation in der Geschichte der Bundesrepublik schon mal gegeben hat. Ich glaube nicht, aber wenn jemand ein Beispiel hat, gerne melden.
Wer kann mit wem allein regieren?
Eine kompakte Übersicht: Für jedes Parteienpaar die Wahrscheinlichkeit, dass die zwei allein zusammen eine Mehrheit haben. Auf der Diagonalen steht, wie oft eine Partei ganz allein die absolute Mehrheit holt. Die farbigen Umrandungen zeigen wieder die Absagen (rot = formaler Beschluss, orange = unwahrscheinlich, gelb = ideologisch).
Ihr findet die AfD in fast jeder „stark gefärbten“ Zelle – und fast jede davon ist rot oder orange umrandet. Insbesondere haben AfD und CDU sowie AfD und Linkspartei hier gut sichtbar in 100% der Wahlausgänge eine Mehrheit. Genau das ist das Muster: rechnerische Macht, politisch verrammelt. „Unregierbar“ heißt das dann – als ob die Schuld beim Land oder beim Wähler läge. Das ist, was diese Wahl so interessant macht.
Linkes Lager, rechtes Lager, verschenkte Lagermehrheiten
Für das Finale greife ich die beiden Lager von oben wieder auf (rechts: CDU, FDP, AfD; links: SPD, Grüne, Linke; BSW neutral).
Das rechte Lager hat in 100% der Durchläufe eine rechnerische Sitzmehrheit. Das linke in 0%. Trotzdem ist die rechte Mehrheit nur in rund einem Drittel der Fälle „ohne Weiteres regierbar“; in gut zwei Dritteln wird sie „verschenkt“. Das ist ein mathematisches Phänomen und das passiert genau dann, wenn die Mehrheit für das rechte Lager im Kern von einer Partei getragen wird, mit der dann aber niemand koalieren will. In den Fällen, in denen die rechte Mehrheit ohne weiteres regierbar ist, stellt die AfD die Mehrheit nämlich alleine.
Und hier wird meine Modellierung eine Spur feinsinnig, deshalb einmal explizit:
- Eine informelle Absage (orange, alle außer der CDU gegenüber der AfD) behandle ich als hartes Tabu – so eine Koalition kommt schlicht nicht zustande.
- Ein formaler Beschluss (rot, die CDU gegenüber AfD und Linke) ist dagegen theoretisch brechbar – unter Ächzen und Knirschen, aber vorgekommen ist es schon. Beschlüsse kann man kippen.
Daraus folgt etwas Verblüffendes: Wenn das rechte Lager seine Mehrheit „verschenkt“, ist die Partei, die dann über ihren Schatten springen und ins andere Lager wechseln müsste, die CDU – nicht etwa die AfD oder eine der eher linken Parteien. Diese Vorgehensweise bildet die Intuition und Erfahrung aus dem letzten Jahrzehnt erstaunlich akkurat ab. Der neue Fachbegriff dafür in meinen Charts: der Lagerwechsler. Das ist die Partei, die dann der Zorn der Wähler des „verschenkten“ Lagers trifft – und die im gegnerischen Lager nicht belohnt wird, obwohl sie ihm die Regierung ermöglicht. Es gibt in der Politik den alten Spruch: „Alle lieben den Verrat, aber niemand mag den Verräter.“
Die AfD kommt als Lagerwechsler gar nicht in Frage, weil ihr informell alle die Zusammenarbeit verweigern, und sie auch zu groß ist. Andere Parteien sind zu klein. Ein hübsches Detail zum Schluss, das die ganze Absurdität einfängt: Formal gesehen erzwingt praktisch nie eine Mehrheit einen echten Beschlussbruch – es gibt fast immer irgendein formal erlaubtes Bündnis. Nur bestehen diese „erlaubten“ Bündnisse dann aus AfD plus „eher linken“ Parteien, die real aber niemand bildet (oder wer unter meinen Lesern könnte sich eine grünblaue Koalition vorstellen?). Willkommen in Sachsen-Anhalt.
Anmerkungen zur Vorgehensweise
Ein paar ehrliche Worte zu den Annahmen, damit ihr die Ergebnisse richtig einordnet:
- Die Schwankungsbreite. Meine Unsicherheit ist etwas größer als der reine Stichprobenfehler aus dem Lehrbuch. Das ist Absicht: Echte Umfragen streuen erfahrungsgemäß stärker als die Theorie (Institutseffekte, Meinungsschwankungen). Ich habe den Aufschlag an den tatsächlichen Trefferquoten der Institute geeicht – er liegt zwischen der jüngsten Bundestagswahl (die Institute waren sehr gut) und dem Langzeitschnitt. Bei Landtagswahlen darf man ruhig etwas mehr Unsicherheit annehmen.
- Die 5%-Hürde simuliere ich „pur“ ein. Ohne Grundmandatsklausel, ohne Überhang- und Ausgleichsmandate. Deshalb rechne ich mit der regulären Parlamentsgröße von 83 Sitzen. Irgendwann wird's sonst kompliziert.
- Koalitionen sind rein rechnerisch. Ich verbiete nichts hart, sondern klebe nur Etiketten dran. Was „unmöglich“ ist, entscheidet ihr – ich liefere die Zahlen. Diese Seite dient keiner politischen Richtung; ich habe schlicht Spaß an der Analytik und lasse andere daran teilhaben.
- „Sonstige“ ist ein Sammelposten und bekommt nie Sitze; der Wert wird automatisch so gesetzt, dass die Summe 100% ergibt.
Und, wie gesagt: Falls ich bei den Unvereinbarkeitsbeschlüssen danebenliege oder ihr die Lager anders schneiden würdet – her mit den Zuschriften. Das ist alles eine Frage der Eingaben, und die sind schnell geändert. Vermutlich rendere ich diesen Artikel anhand aktuellerer Umfragen vor der Wahl auch noch mal neu. Und wenn er sich bewährt, gibt es die Auswertung bald tagesaktuell für die Bundes-Sonntagsfrage.










