Überproduktionskrisen und Wellnessstudiengänge: Geisteswissenschaftler-Wochen in der FAZ

Am Sonntag war in der FASZ im Kontext der Dissertationsaffäre unserer Bildungsministerin Schavan der launige Kommentar „Mittlere Begabungen“ von Jürgen Kaube zu lesen (online hier, nicht der Artikel selbst, sondern der kleine Block darunter). Der Autor, ein Volkswirt und Soziologe, geht die Geisteswissenschaften frontal an und unterstellt ihnen eine „Überproduktionskrise“. Große Teile der Dissertationen seien im Wesentlichen Paraphrasen anderer Texte – „Großes Fleißkärtchen“. Promotionen seien Verwaltungsvorgänge, jedoch keine im Bereich der Erkenntnis. Besonders vernichtend: „Typischerweise wird gar nicht erst versucht, ein Problem zu lösen, sondern es gilt, Textmassen zu einem Thema herbeizuschaffen.“ Während “mittleren Begabungen mit eisernem Promotionswillen“ in den Naturwissenschaften noch irgendetwas nützliches aufgegeben würde, sähe man ihnen in den Geisteswissenschaften noch dabei zu, wie sie sich übernähmen. Bezogen auf die Causa Schavan suggeriert der Autor, von mir salopp formuliert: „Leute, jetzt mal ohne Flachs, das ist nichts besonderes, die produzieren doch schließlich alle nur solche Scheißegal-Dissertationen.“

Na gut. Kann man so sehen, oder auch nicht. In jedem Fall kann man sich nach der Lektüre aber fragen: „Wie geht denn ein Geisteswissenschafts-Studium“? Dazu zunächst ein Einschub. Ich selbst habe keine Geisteswissenschaft studiert, sondern sehe mich auf der Seite der Naturwissenschaften. Ich sehe mich also gezwungen, mich zu informieren. Zum Glück bin ich mit einem Studierenden befreundet, der noch eine Geisteswissenschaft neben der Informatik her studiert hat – aus reinem Interesse. Darauf angesprochen, wie er/sie das macht, ist die Tonart ähnlich: „Naja, wie soll ich's schon machen. Durchgehend vier bis fünf Tage die Woche Informatik, und ein Tag für <Geisteswissenschaft>“. Beides übrigens mit hervorragendem Erfolg und zügig. Respekt! Einschub Ende, es soll hier ja immerhin auch um die Geisteswissenschafts-Wochen in der FAZ gehen.

Heute lese ich also in der FAZ eine weitere knochenharte Satire über den jungen Philosophie-Geschichts-Erstsemester Christian, den die Autorin Kathrin Klette über die ersten zwei Wochen seines Studiums begleitet haben will.

Die Erzählung fängt vielsagend – und als Persiflage vielversprechend – an. „Mathe und Chemie - das brauchst du doch nie wieder“ – das ist mit das erste, was man von dem 20jährigen Studienbeginner hört, der sich eher in Erkenntnistheorien und Kant wiederfindet, und stolz darauf ist, „Der Kleine Taschenphilosoph“ und „Sophies Welt“ gelesen zu haben (beide im Text erwähnt). Frau Klette weiß den Leser auf wirklich erstklassige Weise zu leiten – also geht es auch gut weiter:

Nach einer kurzen Beschreibung, dass das Studium der Philosophie und Geschichte für ihn in der Wunschliste erst nach einem Lehramtsstudiengang und Psychologie kamen, wird der Studienanfang unseres hoffnungsfrohen Erstsemesters vom 8. Oktober an tageweise aufgelistet. Zunächst wird der Leser mit ein paar Standardgeschichten in Sicherheit gewogen: Erstifrühstück / lange Nacht / Katerkaffee / „ich habe nicht vor, länger als Regelstudienzeit zu brauchen“ / Wohnungsnot. Dann, ganz langsam, bei der Wohnungsnot, zieht der Sarkasmus fast unmerklich an. Christian bekommt von Vermietern gesagt „Wir finden dich echt super, aber morgen kommen auch noch ein paar Leute“ – eine absolute Unfairness, sich alles offenzuhalten, um auf jemand noch besseren zu hoffen, findet Christian. Überhaupt würden nicht alle Studenten auf seine Mails antworten. :-|

Der Leser schmunzelt hier das erste mal belustigt, ist aber noch nicht in Alarmstimmung. Klammheimlich steigert sich der schwarze Humor weiter. Über das Nennen verschiedener Mädchennamen aus verschiedenen Nächten hinweg (es ist mittlerweile der 15. Oktober) findet Christian überfüllte Hörsääle vor. Personen sitzen auf Treppen! Mit anderen Worten, Christian ist ein bisschen spät dran (das darf ich sagen, mein Informatikstudiengang begann in einem Massenjahrgang, als jeder Informatik studieren wollte, der schon immer gut mit Word umgehen konnte). Zynisch packt nun der Text den ersten wirklichen Klischeeknüppel aus: „Heute hat sich Christian auch für Gender Studies eingeschrieben. Magdalena und zwei Freundinnen haben sich dort ebenfalls angemeldet. Außerdem sei das Thema interessant, sagt er, weil es um Frauenrechte, Ethik und Moral gehe.“ Peng. Mit Schwung in die Magengrube. Will Luft holen. Geht aber nicht. Erste Habachtstellung beim Leser, das war sicher nicht der letzte Schuss. Gender Studies? Siehe auch. (Danke, Sebastian!)

Wie in jedem guten Verriss wiegt die Autorin den Leser nun wieder in Sicherheit, Altvertrautes wird ausgepackt, um ihn beim nächsten Schlag unvorbereitet zu treffen. Nächster Tag, Geschichtsvorlesung, oha, wieder voller Hörsaal, wieder später Abend gestern, Uni-Start-Blabla, Bologna, Credit Points, „Hoffentlich geht beim Mittagessen der Kater weg“, diverse Mädchennamen, Tetrapakwein, Klischee hier, Klischee da, PENG! Mit einem der Mädchen (Clara) zieht Christian in eine WG, bei der sein Anteil an der Miete ungefähr sein ganzes Nettoeinkommen ausmacht. m( Ein Mitbewohner soll später noch gesucht werden. BAMM, gleich der nächste: Die Logikvorlesung der Philosophen (!) sei zu mathematisch gewesen. 8-O

Zum Ende stößt die Autorin natürlich auf das Problem, dass der Leser nun hart gesotten ist. Das erfordert einen besonderen Kunstgriff. „Jetzt aber in die Mensa, und danach zieht Christian zu Catharina. Bisher sei doch alles ganz 'gechillt', resümiert er sein neues Leben. 'Nicht um acht Uhr aufstehen zu müssen, das hat schon was.'“ Genial! Liebe Kathrin Klette, was für ein Meisterstück der Leserführung! Herrlich! Der Text war zuende und konnte bereits wirken, während ich mich noch dabei ertappt habe, mehrmals nachzuprüfen, ob die Namen „Catharina“ und „Clara“ nicht doch dieselben sind. LOL

Nun war die Eingangsfrage anhand des Kommentares von Herrn Kaube, wie denn ein Studium der Geisteswissenschaften so geht. Die Antwort ist einfach: Das beschriebene Tagebuch über den Studienanfänger Christian ist gar keine Satire. Es ist eine normale FAZ-Reportage. Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

Und für alle, die jetzt denken, „Christian wird bestimmt einmal wie der Teufel bei den Arbeitgebern ankommen“: Alles bleibt gut. Ich bin sicher, er wird einmal ein hervorragender Bundesvorstand der Piratenpartei. 8-)

Comments

Viktor
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2012/10/24 00:12

8-) Sieht doch nach einer erstrebenswerten Laufbahn aus.

David Kriesel
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2012/10/24 10:01

Ja. Du darfst dann auch mit Fug und Recht von „Entartungen des gesamten Systems“ sprechen.

fwk
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2012/10/24 15:27

das Problem sind nicht die Geisteswissenschaften per se, denn Jedem muss klar sein, dass Leben und Werte nicht nur aus Nullen und Einsen bestehen. In früheren Jahrhunderten haben große Denker die Richtung für das Leben als Solches :-) vorgegeben und wurden gehört. Die heutigen Stoffsammler und Cut/Paster vertreten eben keine Geisteswissenschaft, weil dazu kein Geist gehört. Insofern sollten sich die Geisteswissenschaftler mal auf ihren Kern reduzieren und die pseudowissenschaftlichen Hilfstruppen, die unter diesem Etikett firmieren, hinauskomplimentieren.

Helen
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2012/10/25 21:31

Geisteswissenschaft ist halt nicht „Wissenschaft“, welche erschuetternden neuen Erkenntnisse sollte ich, beispielsweise, als „Literaturwissenschaftlerin“ (allein der Name!), auch erlangen? Meine Hausarbeiten sind in keinster Weise ein sinnvoller Beitrag zur Wissensgesellschaft - aber das wuerd ich auch nie behaupten. Ich hab da lieber meinen Spass mit und such mir die unwissenschaftlichsten Themen die ich bei meinen Dozenten durchbekomme und gebe den Hausarbeiten alberne Titel, funktioniert bis jetzt ganz gut. Ziel ist ein Bachelor mit moeglichst wenig Ernsthaftigkeit. Ist halt meistens ein aneinanderreihen von Sekundaertexten, ein bisschen bullshitten und hin und wieder ein paar lange Worte, geb ich aber auch offen zu. Wenn ich mir selber was ueberlege zu nem Text wird das kein Dozent durchgehen lassen. Unsere „Wissenschaft“ ist halt meistens eher subjektiv (hence: keine Wissenschaft). Aber koennen halt nicht alle MINTler sein, das wuerd auf Dauer auch nicht gut gehen.

David Kriesel
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2012/10/25 21:35
Aber koennen halt nicht alle MINTler sein, das wuerd auf Dauer auch nicht gut gehen.

Top, second that :)




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