Ohne dass man noch weiter auf den Inhalt eingehen muss: Don Alphonso hat auf faz.net eine mehr als plausible Erklärung geschrieben, warum Julia Schramm einen doch stattlichen Vorschuss von 100.000 Euro erhalten hat. Unter denjenigen Parteien, die allgemein im Gespräch sind, sind die Piraten ja insgesamt die mit dem stärksten Markenkern in Punkto „Freie Informationsverbreitung“. Wie kann man das als großes Verlagshaus auf kosteneffiziente Weise torpedieren? Dazu gibt es hier eine TODO-List aus Verlagssicht – die zwar imaginär, aber keineswegs illusorisch ist.
Liebe Julia, bleibt noch – eingedenk des wohl meistzitierten Spruchs von dir – die Frage zu beantworten, wer denn Verfügungsgewalt über deine Löcher ausübt. Ich würde mal sagen: Aktuell ist das Bertelsmann, für wenig Geld sogar, was man ja schon als Aussage nehmen kann. Um es in deinen Worten zu formulieren: Du wurdest geklickt. Wenn das nicht sogar mal ein Doppelklick war.
Jetzt kann man einen Schritt zurücktreten und sich fragen, warum das nicht im Piratenpartei-Vorstand für Konsequenzen sorgt. Ganz einfach: Gute Vorstandskollegen von Julchen streben eine ähnlich optimierte Kosten-Nutzen-Relation im Leben an. Zitat Don Alphonso: „Johannes Ponader, selbst der Anlass für eine Reihe von Konflikten in der Partei, hatte schon im Vorfeld angekündigt, sich für sie gezielt einzusetzen.“ Das stellt er dann auch bei aller sonstigen Kritik an jeglichem geistigen Eigentum direkt mal unter Beweis (Screenshot zitiert von Alphonso):
Johannes Ponader? Wer war das nochmal? Wir erinnern uns, der hat sich erst am Backschisch der Medien erfreut, um sich dann im Feuilleton der FAZ weinerlich zu empören, dass die Medienwelt – und die Bundesagentur für Arbeit – seine HartzIV-Bezüge aufs Korn nimmt. Klugerweise verband er seinen „Rücktritt vom (Arbeits-)Amt“ direkt mit der Ankündigung, zunächst von Freunden zu leben. Selbst streng links eingestellte Mitglieder der Netzgemeinde sprechen ihm jegliche politische Schaffenskraft ab, weil er für das bedingungslose Grundeinkommen wirbt, aber dabei „wie der prototypische nichtsnutzige Nutznießer davon aussieht“.
„Vorbildlich“, schrieb so auch ein FAZ-Leser als Kommentar unter sein Geweine. „Bereits heute lebt er so, wie alle Menschen dieser Welt es tun sollten. Leider gibt es nach wie vor eine Mehrzahl von Reaktionären, die ihren Lebensunterhalt durch eine sozial verwerfliche Tätigkeit (sog. „Arbeit“) verdienen. Schluss damit! Wenn erst mal alle wie Ponader vom bedingungslosen Grundeinkommen leben, wird die Welt eine bessere sein. Wie das rechnerisch aufgeht? Sorry, only one answer per inquiry.“
In Deutschland leben wir in einer Luxuswelt, in der sich jemand aus Selbstverwirklichungsgründen entscheiden darf, nichts beizutragen. Derjenige wird dann finanziell unterstützt wie jemand, der nichts beitragen kann, weil er Not leidet. Ein Sozialsystem in dieser Form ist einzigartig in der Welt. Ich bewundere unsere Gesellschaft dafür, dass sie diesen immensen Luxus geschaffen hat. Jetzt müssen wir nur noch mit denjenigen fertig werden, die ihn zerstören. Das machen sie nicht, indem sie diesen Weg auch tatsächlich einschlagen. Aber indem sie das tun und sich gleichzeitig für die Avantgarde und „moralisch irgendwie überlegen“™ halten. Das sind genau solche Personen, für die z.B. das Hinterfragen des großzügig geschenkten Auskommens eine “Entartung des gesamten Systems“ (sic!) darstellt. Und solche, die man mit nur 100.000 Euro in einen Geisteszustand katapultieren kann, der sie für einfach alles benutzbar macht und jede Rücksicht bezüglich der Ziele der eigenen Partei hart abwürgt.
Ich selbst bin Informatiker, etwa im Alter von Julia. Ich interessiere mich sehr für Informationsfreiheitsbezogene Themen und stelle Inhalte frei ins Netz, die nachgefragt werden. Ich sollte zu den absoluten Kernwählern der Piraten gehören! Zur Riege derjenigen, die gar nicht nachdenken müssen, wen sie wählen. Mittlerweile wird aber die Summe, die an Persönlichkeiten und deren Privatpositionen von den Piraten kommt, völlig unvertretbar. Nur lautstark eine Nische besetzen, die andere (bis jetzt) offen gelassen haben, reicht nicht. Die Piraten werden feststellen, dass Personal mit Substanz auch woanders arbeiten kann. Dessen Weggang erreicht man insbesondere durch Gesellschafts-Nichtmitglieder, die ihre Egomanie noch für ein Entgegenkommen halten. Das alles wissen die anderen Parteien auch. Ich mutmaße also mal ganz wild, dass die unbekannten Ahnunghabenden unter den Piraten mittelfristig die Partei wechseln. Dieser Drang wird mit schwindendem Abstand zur Bundestagswahl noch zunehmen.
Darum kann ich nur dazu aufrufen: Wählt bei der kommenden Bundestagswahl irgendjemand anders, ganz nach eigener gesellschaftlicher Einstellung. Auch und gerade, wenn ihr Proteststimmen platzieren wollt. Piratenähnliche Personalanteile haben sie bald alle. Genau die Julia-Kategorie an Leuten ist es übrigens, die bei einem krachenden Misserfolg ihre Öffnungen weiterreicht als erstes von den Piraten abhauen wird – gute Kontakte zur FDP hat sie ja, wenn man sich ihren Lebenslauf anschaut. Dann rücken entweder arbeitsamere Überzeugungstäter nach, oder der Laden geht eben ein. Ponader wird hartnäckiger sein als Julia, ich persönlich nehme dem seine Überzeugungen ab. Er wird aber in Gegenwart versierterer Kollegen weniger Schaden anrichten, oder sich gar nützlich machen. Vielleicht wird er aber auch – nach Rücksprache mit seinen Freunden
– seinen „Rücktritt vom Rücktritt vom Amt“ bekanntgeben. Es gibt schließlich Steuern zu verbraten.
Bleibt als Bonmot zum Schluss nur noch eins. Trotz frappierender Gemeinsamkeiten mit Vorstandsmitgliedern der Piratenpartei (Presse erst benutzen, dann über sie weinen, Erfahrungen im Bereich „Alimentierung durch Freunde und Staat“) stellt Bettina Wulff ihr Buch jetzt kostenlos ins Netz. Sehr schön im Zusammenhang, oder?
Weiterlesen kann man u.a. bei: Schockwellenreiter, RP-Online, Golem. Mein Neuronale-Netze-Script steht übrigens frei zum Download, und das wird auch so bleiben. Ein FAQ zu Verlagsanfragen steht dort ebenfalls. Diese Seite ist nicht gegen das bedingungslose Grundeinkommen zu verstehen. Frank Rieger gibt in der FAZ einen schönen Überblick darüber, warum irgendwas in der Form erschaffen werden muss – vielleicht noch nicht bald, aber irgendwann sicher, ganz egal, ob es euch oder mir gefällt, oder nicht.
„Wählt bei der kommenden Bundestagswahl irgendjemand anders, ganz nach eigener gesellschaftlicher Einstellung.“ Genau das ist ja das Problem, meine Einstellung ist nicht kongruent zum „klassischen“ politischen Angebot.
@HH: Zustimmung
@pyt, das geht fast allen so. Du kannst ja einige Kernbereiche herauspicken, die dir besonders wichtig für die Zukunft sind (keine kurzfristigen, das wird sowieso nix), und von denen du denkst dass sie nicht im Rahmen der Koalitionsverhandlungen über die Wupper gehen.
„Muss ich alle Löcher zur Verfügung stellen?“
lol,
dann wäre das Buch möglicherweise interessant.
Danke, genau meine Gedanken zum Thema Piraten. Seit Ponader finde ich die unwählbar, leider.
Wohl der intelligenteste Kommentar zu irgendeinem Thema, den ich in den letzen paar Monaten lesen durfte. Gratulation.