Kleiner Nachschlag zu den Kölner Lehrämtlern

Ich bekomme immer noch regelmäßig verschiedenste Zuschriften zur Lehrämtler-Realsatire in Köln. Über eine Zwischenstation (eine glaubwürdige, aber seht es dennoch gerne als Hörensagen) habe ich nun Infos von jemandem erhalten, der sich in der Kölner Mathedidaktik sehr gut auskennt. Ich bleibe hier absichtlich vage, denn ich habe ja gesehen, wie schnell dieses Thema emotional hochkocht.

Interessant fand ich vor allem folgende Randbedingung, die ich so noch nicht kannte: Es sei der erste Bachelorjahrgang gewesen, und da sei Mathe eben das erste Mal Pflichtfach in dieser Form gewesen. Falls das stimmt, habe ich jetzt schon Angst vor dem Moment, in dem ich ein Kind habe und es mich fragt „Du, Papa, was ist ein Grundschullehrer?“

Denn dann könnte man das Fiasko nicht zwangsläufig als statistischen Ausreißer sehen. Vielmehr wäre das Kölner Mathefiasko das eindeutige Ergebnis des allerersten jahrgangs-deckenden Fähigkeitentests der Grundschullehramts-Studis in Köln überhaupt. Was verheerend für die Kinderbildung ist, ist gut für die Satiriker: Man darf jetzt mit Fug und Recht gespannt der Dinge harren, die da kommen werden, und es könnte sich lohnen, an der Sache dranzubleiben. Falls ich noch einmal in Kontakt mit dem Seminar treten muss, verifiziere ich das natürlich. Das könnte sogar bald sein: Der damals beschriebene Jahrgang kriegt ja noch seine Extraklausur, und es ist gerade Semesterende und damit Klausurzeit. 8-)

Damit ihr euch bis zur nächsten Morschelei die Wartezeit verkürzen könnt, gibt es zum Schluss wieder etwas Realsatire. Diese ergibt sich aus der puren Eigendynamik der Angelegenheit: Lest doch einmal den Doppelkommentar, der von „Margret“ unter den zweiten Artikel gesetzt wurde – 18 Tage nach dessen Erscheinen! Natürlich habe ich direkt danach die IP-Adresse mal lokalisiert. Aus welchem Ort sie kam, brauche ich euch wohl kaum zu sagen.

Update: Prof. Volker Rieble nimmt den Artikel "Wollt ihr wissen, wer eure Kinder prägt?" dieses Blogs als Grundlage, um in seinem Artikel „Von infantilen Studenten und Helikopter-Eltern“ auf eine Verallgemeinerung der Problematik hinzuweisen (Zeitschrift Aviso 3/2012, PDF-Link). Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Beides freut mich sehr! Rieble ist Professor an der LMU München und widmet sich z.B. auf faz.net immer wieder Themen im Umkreis der universitären Bildung. Er schließt seinen Artikel mit dem Satz: „Wenn die Universität zum Kindergarten wird, sollte man erwägen, den Eltern ein Betreuungsgeld dafür zu zahlen, dass sie uns mit solchen Kindern verschonen.“

Im konkreten Kölner Fall sollte man darüber hinaus die Auszahlung eines Betreuungsgeldes an Großeltern in Erwägung ziehen, damit sie uns mit gewissen Eltern verschonen.

Danke fürs Benachrichtigen an Herrn Krause und alle weiteren!

Comments

FWK
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2012/07/23 12:03

Grandios auch der folgende Satz von Prof. Rieble. „Ich habe den Kontakt zu meiner durchaus noch rüstigen Mutter angeboten, damit sich die Damen aus elterlicher Perspektive verständigen können. So brach das Gespräch ab.“

Mir fehlt eigentlich nur die Ursachendiagnose für die mit Recht angeprangerte Entwicklung: Auch hier haben wir es mit einer Errungenschaft der 68er zu tun –organisierte Verantwortungslosigkeit und Bekämpfung aller Instrumente und Einstellungen („Tugend“ ist ja auch so ein böses Wort), die uns über Generationen hinweg leistungsfähig und grundsatztreu gemacht haben. Mit einem Satz, Propagierung von weinerlichem und zugleich blasiertem Egoismus – die bösen Umstände sind schuld, wenn es mir schlecht geht…..also „holt mich ab“.

David Kriesel
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2012/07/24 11:17

Jo, genau so muss mans machen @ Kontaktangebot zur Mutter.

P. M.
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2012/08/04 00:31

Als Tutor für Mathematik-Vorlesungen für Informatiker an einer größeren deutschen Universität möchte ich auch noch kurz einen Kommentar abgeben.

Um mit einem scheinbaren Missverständnis der Studenten aufzuräumen: Es gibt keine Quote. Das heißt, es gibt keinen Prozentsatz an Studierenden, welche bestehen müssen. Lasst mich kurz erklären, warum es keine Quote gibt - dabei nehme ich euch mal mit auf die Reise, wie eine Klausurnote eigentlich entsteht.

Vor der Klausur gibt es die Vorlesung, das Vorlesungsskript, die Übungen, die Übungszettel. Über diese Themen kann man sicherlich bände füllende Erzählungen schreiben (wie schon zu Köln geschehen). Doch ich will nur ganz kurz einmal das Ziel festzurren: Das Ziel ist die Wissensvermittlung. Wir wollen, dass die Studenten mit jedem kleinen Stücken Wissen, dass sie sich auf ganz verschiede Weisen aneignen – in der Vorlesung, in der Übung, oder mit Freunden oder im stillen Kämmerlein –, ein klein wenig wachsen. Ein klein wenig wachsen, und mit der Zeit verstehen, dass Wissen nicht etwas Abschreckendes ist, sondern etwas Wundervolles; etwas, was andere Menschen fasziniert und was einen selbst in den Bann zieht. Alle Wissenschaftler, die ich kenne, haben ein Glitzern in den Augen und ein Lachen im Gesicht, wenn man mit ihnen über ihr Forschungsthema spricht. Ich selber habe eine solche Faszination bei den Studenten viel zu selten erlebt. Dass man „Faszination“ kaum überprüfen kann, ist klar; wir müssen uns mit dem am nächsten kommenden begnügen: Das Wissen, dass diese Faszination im Geiste akkumuliert hat. Dazu dient die Klausur.

Die Klausur wird von den wissenschaftlichen Mitarbeitern und Tutoren, welche auch die Betreuung der Studenten durchführen, konzipiert. Bereits in dieser frühen Phase wird sich stark an den Übungsaufgaben orientiert, in der berechtigten Vorstellung, dass solche Aufgaben von den Studenten beherrscht werden, und sie von den Studenten vor der Klausur auch noch extra wiederholt werden. Jedoch sind sogar die Übungsaufgaben unserer Erfahrung nach als zu schwer anzusehen, so dass die Aufgaben weiter vereinfacht werden: Längere Beweise sind für eine Klausur eher ungeeignet; man muss festlegen, ob ein Taschenrechner benutzt werden darf (und muss die Zahlen dafür anpassen); man kann keine Spezialaufgaben stellen, die nur einen kleines Teilgebiet der Vorlesung abdecken. Schließlich geht auch noch ein großes Stück der tutoriellen Erfahrung mit ein: Welche Aufgaben konnten von den Studenten in den vergangenen Jahren gut gelöst werden? Was erwarten die Studenten überhaupt von unserer Klausur?

Wenn schließlich dieser Vorschlag nach dieser Vorarbeit fertiggestellt ist, geht er an die Professoren. Der Klausurvorschlag wird in der Regel noch einmal stark abgeändert - in meiner gesamten Tutorenlaufbahn geschah dies immer zum Wohle der Studenten. Was heißt eine Änderung zum Wohle der Studenten? Solche Änderungen sind beispielsweise das Ersetzen von theorielastigen Aufgaben durch Anwendungsaufgaben; das Abfragen von einfacheren Definitionen; schlichtweg das Kürzen oder Weglassen von Aufgaben, damit die Studenten in der Klausur mehr Zeit haben. Schließlich wird auch noch versucht, sogar fehlendes Wissen der Studenten durch die Klausurbewertung abzufangen: Es gibt Bonusaufgaben - damit kann man schlussendlich sein Nichtwissen auf einigen Teilgebieten durch Wissen auf anderen Teilgebieten ausgleichen.

Hat man sich schließlich auf eine Klausur geeinigt, kann diese gestellt werden. Auch hier werden einige Variablen zu Gunsten der Studierenden verändert: In der Regel wird den Studenten noch eine Zeitverlängerung bei der Klausur gegeben; zumindest war das bei den meisten von mir betreuten Mathematikklausuren so. Es werden Fragen der Studenten beantwortet. Manchmal werden sogar Lösungshinweise öffentlich für alle Studenten bekanntgegeben, wenn wir merken, dass da doch etwas im Argen steckt.

Als nächstes steht die Korrektur an. Bei der Korrektur muss man auch abwiegen: Bewertet man die Antworten zu kleinlich? Hat der Student das Grundprinzip verstanden, und nur eine falsche Notation benutzt? In manchen Fällen ist die Abgrenzung zwischen einer unvollständigen Antwort und einer falschen Antwort fließend. Wir versuchen die Antwort so weit zu ergänzen und Brücken zu bauen, damit die studentische Antwort einer richtigen Antwort am nächsten kommt. Wir erläutern unsere Korrektur ausgiebig in Schriftform auf den Prüfungsbögen, damit die Bewerter den Studenten bei der Klausureinsicht Rede und Antwort stehen können.

Bei der Bewertung geht es sogar manchmal so weit, dass die Studenten „by default“ Punkte bekommen. Beispielsweise bei Multiple-Choice-Aufgaben, wo nach dem hier angewandten Bewertungsschema in mehreren Jahrgängen keine negativen Punkte vergeben wurden. Der Erwartungswert der erreichten Punkte liegt damit für diese Aufgabe bei 50 %. Die oben angesprochenen Bonusaufgaben tun ihr übriges zur Steigerung der Punktzahl. Doch damit nicht genug - es werden sogar globale Eigenschaften in die Bewertung mit einbezogen: Wenn viele Studenten an einer Punktegrenze anliegen, so werden die Punktegrenzen just so verteilt, dass die Studenten die bessere Notenstufe erreichen. Die vorläufige Benotung wird elektronisch bekannt gegeben, damit die Studenten bereits vor der Klausur wissen, ob die Gesamtbenotung ihren Erwartungen entspricht.

Dann geht es weiter zur Klausureinsicht. Meiner Erfahrung nach, ist es - gemessen an der Teilnehmerzahl - in Klausureinsichten erstaunlich leer. Die anwesenden Studenten schauen sich in der Regel die Klausur nur einmal an, und geben sie wieder ab. Aber es gibt auch tiefgehende Diskussion um die Sachthemen und ihre Bewertung: Auch hier sind die Tutoren und Bewerter studentenfreundlich; es werden Punkte vergeben, da der Student weitere Zusammenhänge in seiner Lösung darlegen konnte; schließlich kommt es auch sehr selten vor, dass die Gesamtnote falsch berechnet wurde (wir berechnen sie einmal per Hand und einmal via Computer, um die Fehlerquote zu minimieren). Schließlich wird auch der Professor gerufen, wenn an einer Beanstandung „etwas dran ist“: Dann erhalten sämtliche Studenten eine Neubewertung, wobei jedoch die Gesamtnote sich nicht verschlechtern darf, und nur verbessern darf. Sollte auch das Gespräch mit dem Professor zu keinem Ergebnis führen, so bleibt dem Studenten als Nächstes eine Beschwerde beim Prüfungsausschuss. Hierzu kann ich leider nichts sagen, weil ich noch nie in einer solchen Situation war; allerdings erhielt ich vom Hörensagen immer den Eindruck, dass auch der Prüfungsausschuss sehr studentenfreundlich agiert. Dass auch nachfolgende Verwaltungsgerichte häufig studentenfreundlich sind, ist wohl allgemein bekannt.

Schwere Klausuren zu stellen ist kein Meisterstück - man kopiert einfach aus den Fachbüchern. Nur was die meisten Studenten nicht wissen: Die Klausuren sind nicht das, was sie in Originalfassung mit Originalanforderungen mal waren. Fast der gesamte Prozess der Klausur dient nur dazu, die Klausur einfacher und studentenfreundlicher zu machen. In jedem einzelnen Schritt wird zum Wohle der Studenten entschieden. Dies ist unsere Pflicht gegenüber den Studenten, denn als humanistisch gebildete Menschen steht für uns die Wissensvermittlung an die Studenten im Vordergrund; wir wollen vermitteln, dass Wissen und Rätsel etwas wundervolles sind; dass Erkenntnisgewinn einen selbst bereichert und auf andere faszinierend wirkt. Dass dies am Ende in so lascher Form einer einfachen Note resultiert, ist eigentlich traurig. Ich bin ganz klar der Meinung: Es soll nicht zeigen, wie gut man auswendig lernen kann. Es soll zeigen, wie sehr man das Themengebiet durchdrungen hat, wie man sich in ihm austoben kann und wie gut man es anderen erklären kann. Es soll zeigen, dass einen die Probleme aus diesem Gebiet faszinieren und man sich für deren Lösung begeistern kann.

Trotzdem fordern manche Studenten - am häufigsten nach der Klausureinsicht - dass es nicht sein kann, dass weniger als X Prozent der Studenten die Note Y erhalten haben. Dies hat mit Faszination am Wissen nichts mehr zu tun, sondern ist ein Preisetikett wie im Supermarkt. Jetzt 20 % auf alles.




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