Korrelation von Facebookdaten mit Kreditwürdigkeit? Na klar funktioniert das!

Jedesmal, wenn Facebook irgendeinen neuen Mechanismus entwickelt, der Leute zum Dateneintragen verleitet, ist das erstaunte Entsetzen groß. Jedesmal, wenn herauskommt, dass jemand Facebookdaten tatsächlich systematisch nutzt, noch größer. Der letzte große Empörungssturm galt Anfang des Jahres der damals neuen Facebook Timeline. Ich habe damals die ketzerische These vertreten, dass wir in einer Welt leben, die den Menschen immer weniger durch evolutionäre Selektion prägt – und Facebook dann eben einer der neuen Evolutionsmechanismen wird. Kurzform des Links: Facebooknutzer, die relevante, vertrauliche Daten dort eingeben und sich danach über deren Verwendung wundern, erinnern mich an Schweine im Mastbetrieb.

Schwein 1: „Ist das nicht toll? Wir müssen keine Miete für die Scheune zahlen!“
Schwein 2: „Jaaaa, der Hammer, selbst das Futter kostet uns nichts!“ (Credits).

Bis jetzt hat dieser Selektionsmechanismus eher subtil zugeschlagen. Beispiel: Jemand stellt laufend irgendwelche Fotos des letzten feuchtfröhlichen Abends bei Facebook ein. Die Personalabteilungen dürfen auch Facebook nutzen. Derjenige beweist also damit, dass er nach 15 Jahren Internetkommunikation immer noch nicht die Grundlagen verstanden hat, und wird folglich bei der nächsten Restrukturierungsmaßnahme™ besonders berücksichtigt. Man gibt seine Daten einem Unternehmen, dessen Kunde man nicht ist und dessen Aufgabe die Verteilung dieser Daten ist – und plötzlich und unerwartet können das auch Leute ansehen, von denen man das gar nicht will! Oha! Sowas aber auch 8-).

Jetzt könnte sich aber ein ganz direkter, unsubtiler Selektionsmechanismus entwickeln: Beispielsweise FAZ, Golem und Netzpolitik berichten, dass die Schufa im Rahmen eines Forschungsprojektes guckt, wie Facebook-Daten mit der Kreditwürdigkeit korrelierbar sind. Auch damit hat ja wohl nie-mand rechnen können!

Die Schufa hat einen riesigen Datensatz über die vermeintliche Kredit(un)würdigkeit von mehr als 60 Millionen Personen. Jeder hat da seinen Daumen hoch oder seinen Daumen runter, nur in ein paar Dimensionen mehr, als ich es hier vereinfacht darstelle. Zu diesem Datensatz wird dazu jetzt mal alles runtergeladen, was man über Facebook zur Person finden kann. Sagen wir, der Einfachheit halber nur mal die Posts und persönlichen Daten, also nur textuelles. Und dann kann man automatisiert ein bisschen auswerten und z.B. gucken, wie kreditwürdig denn im allgemeinen jemand anhand der bisherigen Schufadaten ist, der alle drei Minuten mit miesester Orthographie (so etwas ist auswertbar!) in Facebook postet. Oder welche Einzelmerkmale der Kreditwürdigkeit mit diesem Verhalten korrelieren. Methode Ikea: Entdecke die Möglichkeiten! Die Facebookdaten werden sich sicher nicht als alleiniges Feststellungsmerkmal eignen, wie in der Presse suggeriert wird – aber als bestärkendes Merkmal werden die ein paar Korrelationen finden, die sie dann in ein statistisches Modell gießen.

Statistische Modelle funktionieren so: Wer einen Eintrag für eine nicht bezahlte Rechnung hat, hatte bis jetzt vielleicht nicht direkt ein negatives Ranking und hatte daher nichts zu befürchten, es könnte ja auch ein fehlerhafter Eintrag sein. Zusätzlich zu solchen harten Daten erfaßt die Schufa aber bestärkende statistische Faktoren: Wer zusätzlich zu diesem Eintrag noch männlich, ledig, jung und Einwohner von Neukölln ist, hat zum Beispiel direkt mal statistisch schlechtere Karten, und bei dem wiegt selbst eine einzige vermeintlich nicht bezahlte Rechnung dann mehr. Bald könnte dann eben auch jemand Pech haben, der in Facebook eingegeben hat, 25 Semester studiert hat zu haben (egal woran es gelegen hat), sich gleichzeitig als Fan von ein paar kapitalismuskritischen Organisationen ausweist und alle paar Minuten irgendwelche News von irgendeiner Demo postet. Das sind alles nicht meine Vorurteile, also bitte keine Hassmails an mich. Aber ich wette mit euch, solche Statistiken wird es bald geben. Und eben so wertungsfrei prognostiziere ich mal ganz wild: Ein paar davon werden auch funktionieren, wahrscheinlich auch noch relativ zielsicher.

Versteht mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass ich das toll finde. Aber rein sachlich würde ich denken: Na klar geht das, und was geht, wird auch gemacht. Um ehrlich zu sein wundere ich mich, dass das nicht längst schon eingeführt wurde. Die Schufa hat Kunden, und gegenüber denen wird sie das als Top-Feature anpreisen. Also: Wenn ihr eure Daten raushaut, erwartet keine Vollkaskoversicherung für die Folgen und beschwert euch dann weinerlich – sondern filtert vorher, was ihr wie rausgebt. Das gilt insbesondere für persönliche Daten, die auf unsteten Lebenswandel hindeuten. Wenn einer in Facebook über seine Schulden schreibt (und ja, das machen Leute), hat der kein statistisches Problem mehr, sondern kriegt direkt die rote Karte von der Schufa und dann keinen Handyvertrag. Damit kommen wir zurück zur Evolution. Diesmal ermöglicht sie aber gute Nachrichten. Das schöne an der Evolution ist: Sie arbeitet relativ. Auch das kann man wieder gut an einem meiner Lieblingswitze plastisch machen:

Zwei Freunde wandern durch die Savanne und sehen einen Löwen. Der Löwe guckt schon, und beide wollen weglaufen. Einer der beiden zieht aber erst einmal seelenruhig seine Turnschuhe an. Meint der andere: „Damit bist du doch niemals schneller als der Löwe!“ – sagt der andere: „Nö, aber ich muß ja auch nur schneller sein als du.“

Man muss jetzt also nicht bei jedem winzigen Eintrag überlegen, wie der denn ausgewertet werden könnte. Das geht sowieso nicht, denn man weiß ja gar nicht, was man subtil alles von sich preisgibt, alleine schon durch die Postingzeitpunkte. Wenn hin und wieder also mal was daneben geht, ist das nicht schlimm, und man kriegt es sowieso nicht mit. Wenn ihr aber etwas darauf achtet, während die Mehrheit der Leute im Netz das nicht tut, reicht das schon. Das ist wie mit Fahrradschlössern: Euer Schloss muss nicht besser sein als alle anderen. Es muss nur besser sein, als das der Fahrräder in der Nähe. Beispielsweise denke ich, dass die Schufa wahrscheinlich nur die öffentlich geschalteten Infos lesen kann. Aber pssst, nicht so laut, nicht so laut! Genau die Leute, die dumm genug sind, etwas öffentlich zu posten, was für die Schufa interessant ist, sind ja auch die Zielgruppe der Schufa ;-).

In jedem Fall gilt aber: Satiriker aufgepaßt! Jeder neue Leak darüber könnte für lustige Shitstorms über neue oder auch bestätigte Vorurteile sorgen. Ich bin jedenfalls gespannt. Seien auch Sie wieder dabei, wenn es wieder heißen wird: Das Internet vergißt nichts. Vielleicht gibt es ja sogar ein paar Helicopter Parents, die sich namentlich in den Massenmedien über das schlechte Schufa-Ranking der Tochter beklagen. 8-)

Update: Kaum gibt es etwas Öffentlichkeit, wird das Vorhaben zur Facebookdatenauswertung natürlich direkt aufgegeben. Ich prognostiziere mal ganz wild: Das Thema ist doch viel zu interessant für die Schufa, als dass das jetzt fallengelassen wird. Insofern dürfen wir weiterhin gespannt sein.

Am Rande: Ich selbst bin keineswegs ein glühender Facebook-Missionar. Ich nutze es ganz gerne, aber gebe eben auch nichts wichtiges dort ein. Ich bin gespannt, ob der automatische Post meines RSS-Inhalts für oder gegen meine Kreditwürdigkeit spricht.

Comments

FWK
|
2012/06/07 16:54

Für mich eine sehr zutreffende Analyse, nur: diejenigen, die es nötig hätten, werden sie vermutlich nicht lesen :-(

im Grunde ist das facebook-Phänomen ein Zeichen für kommunikative Verarmung. Es ist viel einfacher, sich mit jedem Mist in die Anonymität des Netzes hinein zu erleichtern, als auf einen Gesprächspartner und dessen Reaktion eingehen zu müssen. Und man hat so viele „Freunde“, die man im richtigen Leben eben nicht so zahlreich hat. Das System und damit auch der persönliche Striptease wird solange funktionieren, wie facebook an der Datenausbeute verdient. Insofern gibt die Entwicklung des Aktienkurses Anlass zur Hoffnung,dass hier Grenzen gesetzt werden. An die Lernfähigkeit der (meisten) Nutzer glaube ich weniger - und damit sind wir wieder beim Wert von facebook für die Evolution :-) Klug ist es, im richtigen Moment auch mal die Klappe zu halten - so wie im wahren Leben….




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