Wieviel Urheberrechtsabgaben ihr zahlt - Ein prozentualer Überblick

In letzter Zeit ging groß durch die Fachpresse, dass Urheberrechtsabgaben auf USB-Sticks und Speicherkarten drastisch erhöht werden (z.B. Heise, Golem1, Golem2). Solche Abgaben zahlen wir alle mit dem Kaufpreis dieser Geräte, und die Abgabe wird von der Zentralstelle für private Überspielungsrechte (ZPÜ) angesetzt. Diese ist eine Dachorganisation mehrerer Institutionen, zu denen u.A. die GEMA gehört. Was war noch mal die GEMA? Ach, richtig, das waren diejenigen, die Kindergärten Lizenzgebühren aufdrücken, wenn die Kinder dort Lieder zu St. Martin singen m(. Viele Nationen haben vergleichbare Organisationen, aber vieles spricht dafür, dass die deutsche GEMA im internationalen Vergleich eine durchaus herausragende Evolutionsbremse darstellt.

Überall werden die absoluten Urheberrechtsabgaben genannt, die die ZPÜ jetzt zusätzlich verlangen möchte – meist Beträge von wenigen Euro. Viel aussagekräftiger ist aber zu untersuchen, wie sich das prozentual niederschlägt. Wieviel Prozent Aufschlag auf den normalen Kaufpreis zahlen wir an die ZPÜ, wenn wir Alltäglichkeiten wie Speichermedien, DVD-Brenner, Mobiltelefone oder Digitalkameras kaufen? Eine kleine Aufstellung mit teilweise hanebüchenden Prozentwerten.

Handwerkliche Hinweise zum Rechenweg. Aufschläge erfolgen auf den Nettopreis. So sind auch die Prozentzahlen gemeint: Zu jedem Beispiel suche ich einen preiswerten Artikel, ziehe die Umsatzsteuer ab, ziehe den Aufschlag ab, und habe dann den bereinigten Nettopreis. Der absolute „ZPÜ-Aufschlag“ wird dann als Prozentsatz des bereinigten Nettopreises ausgedrückt. Abgabenquelle ist Wiki für alles, wo die Quelle nicht eigens dabeisteht. Artikelpreise kommen von Alternate, wobei ich legitimerweise preiswerte Produkte rausgesucht habe. Alternate ist ein deutsches Unternehmen, so ist sichergestellt, dass weniger Verzerrungen entstehen: Nach Wikipedia gibt es in manchen anderen EU-Ländern keine Pauschalabgabe auf manche Artikel, so dass verschiedene Onlinehändler sich dort niederlassen und den EU-Markt bedienen.

Speichermedien

Erstmal die neuen Tarife der Sachen, die gerade in der Presse sind. Kleine Speichermedien wie USB-Sticks und SD-Karten sollen bald statt der jetzigen 10 Cent 1.95 Euro Aufschlag kosten, den ihr direkt im Kaufpreis mitzahlt. Bei einem USB-Stick mit mehr als 4 GB gehen 1.56 Euro an die ZPÜ, bei einer SD-Karte gleicher Größe sind es 1.95 Euro. USB-Sticks in dieser Größe gibt es ab 4.19 Euro, (Micro-)SD-Karten ab 1.99 Euro. Im Fall der SD-Karten muss man also damit rechnen, 127% ZPÜ-Aufschlag zu zahlen, im Falle der USB-Sticks sind es 46% ZPÜ-Aufschlag. Ich weiß ja nicht, was ihr mit euren SD-Karten so macht, aber bei mir kommen die in die Kamera, und die Urheberrechte für die darauf enthaltenen Daten liegen alleine bei mir. Das gilt sicher nicht für alle, aber bestimmt einen großen Prozentsatz der Benutzer.

Mobiltelefone

Interessant sind auch die Abgaben bei Mobiltelefonen (Quelle), die gerade zum 1. Januar 2011 noch einmal kräftig angehoben wurden. Vor Januar 2011 wurde unterschieden zwischen Mobiltelefonen ohne Touchscreen (4 Euro Abgabe) und mit Touchscreen (11 Euro Abgabe). Ich bin sicher, dahinter steht die Annahme, dass Privatkopien seit dem Aufkommen von Touchscreens noch viel häufiger geworden sind. Wer hat nicht schonmal seine technisch unbegabte Urgroßmutter beim Raubmordkopieren eines 30er-Jahre-Knüllers von Marlene Dietrich erwischt, erst ermöglicht durch ein Touchscreen 8-). Seit 2011 sind es dann ohne Touchscreen 12 Euro (zack, verdreifacht!), mit Touchscreen 16 Euro, und mit Touchscreen und mehr als 8GB Speicher direkt mal 36 Euro (effektiv mehr als verdreifacht, da diese Geräteklasse früher 11 Euro gezahlt hat).

Nehmen wir also das touchscreenlose Billighandy „Nokia 100“, das 20.79 Euro kostet: 219% ZPÜ-Aufschlag 8-O! Gebt mir mal Feedback, kann das stimmen? Nettopreis 17.47 Euro, bereinigter Nettopreis also 5.47 Euro, darauf 12 Euro Aufschlag, also 219%? Unglaublich! Die Regelung spricht nur von „Speicherkapazität“, wobei mir gerade unklar ist, ob dazu Erweiterungskarten zählen. Falls ja, dürfte heutzutage jedes Smartphone in die höchste Klasse gehören, solange es 8GB Erweiterungskarten schluckt. Nehmen wir also als Beispiel das „Samsung S5230 Star“, erhältlich für 59,90 Euro: Die ZPÜ will 36 Euro, 251% ZPÜ-Aufschlag. Mal ehrlich, Leute, ist das echt so kraß, oder mache ich hier was falsch? Klar suche ich Extrema raus, aber der Rechenweg sollte ja dennoch stimmen, oder?

Digitalkameras

… kosten 9.21 Euro bei der ZPÜ. Nehmen wir die Canon PowerShot A800 für 54.90 als Beispiel: 25% ZPÜ-Aufschlag. Normalerweise würde man sich angesichts eines Viertels verschenkten Geldes die Haare raufen – zum Glück sind wir aber alle schon desensibilisiert von den hanebüchenen Prozentzahlen weiter oben.

Brenner

Hier lasse ich mal die CD-Brenner außen vor, da man eigentlich nur DVD-Brenner kauft, die dann eben auch CDs brennen können. Nehmen wir die Bulkversion vom LiteOn iHAS122, der für 16.79 Euro angeboten wird. Die ZPÜ will 10.68 Euro, 311% ZPÜ-Aufschlag 8-O. Weil grundsätzlich möglich ist, Urheberrechtlich geschütztes Material zu kopieren, wenn das Gerät vorhanden ist. Und ich kriege hier ungerechterweise immer noch kein Kindergeld! Nicht dass ich Kinder hätte, aber das Gerät ist vorhanden 8-).

Schluss

Ich glaube, das reicht erstmal. Institutionen, die bei wachsender Überflüssigkeit stetig Kosten erzeugen, verursachen stetige Reibungsverluste und behindern den Fortschritt daher wie Sand in einem Getriebe. Es ist mittlerweile möglich, fast beliebig preiswert Speicher zu produzieren. Solcher Fortschritt scheint hier jäh gedeckelt zu werden, wenn meine kleinen Rechnungen hier stimmen (unglaublich, diese Werte, ich kann das teilweise immer noch nicht glauben). Wenn die Speicherpreise der genannten Artikel nochmal halbiert werden, wirkt sich das ja praktisch nicht aus.

Man könnte nun in den allgemeinen Reigen einstimmen und trefflich streiten, ob solche Organisationen in Zeiten des möglichen Internet-Direktvertriebs verschiedenster Medien (z.B. Musik, Videomaterial, aber auch Bücher) überhaupt noch ein Überlebensrecht haben. Immerhin katapultiert die Kommunikations-Revolution der letzten 15 Jahre selbst Institutionen ins Nirvana, die im Gegensatz zur GEMA einmal einen produktiven Beitrag geleistet haben. Viele Verlage waren früher zur Informationsverteilung schlicht notwendig, stellen aber heute in der Hauptsache eine effizienzhemmende Zwischenstation zwischen Künstler und Kunden dar und sterben daher eben aus.

Diese Diskussion wird aber schon allerorten geführt, und entsprechend des Teilnehmerkreises lässt sich das Ergebnis meist gut vorhersagen: Sind Personen anwesend, die die Informationsverteilung in Internetzeiten noch nicht verstanden haben, flammt sehr schnell eine Moraldiskussion auf, jedoch ohne Ziel. Sind keine Internetdrucker anwesend, endet die Diskussion sehr klar.

Ich brauche das hier also nicht auch noch diskutieren. Da Internetausdrucker in Diskussionen immer mehr belächelt werden und auch immer schwerer in Machtpositionen befördert werden, erledigt sich diese Problematik aber bald von selbst. Die paar aussterbenden Leutchen füttern wir noch ein wenig durch (es ist ein Sozialstaat hier :-)) und dann sind sie ohnehin weg. Darum beschränkt sich mein Diskussionsbeitrag auf die obenstehenden Daten. Nicht viel, aber nützlich.

Update mit weiteren Infos

Ein weiterer Artikel bei Golem erklärt, wie diese Preise zustandekommen, nämlich mit (sicherlich statistisch und mathematisch jederzeit einwandfreien ;-)) Studien: „Eine Ende 2011 im Auftrag der ZPÜ von der TNS Infratest durchgeführte empirische Untersuchung habe ergeben, das mit einem USB-Stick während seiner Gesamtlebensdauer durchschnittlich 677 Musiktitel, 541 professionelle Fotografien, Bilder oder Kunstwerke, 93 Graphiken und 66 Teile aus Büchern vervielfältigt werden. Bei einer Speicherkarte seien es im Vergleich 390 Musiktitel, 579 professionelle Fotografien, Bilder oder Kunstwerke, 24 Grafiken und 10 Teile aus Büchern.“.

Besonders schön ist aber ein weiterer Artikel mit folgendem Goldkommentar: „Angesprochen auf das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Gema und Konsumenten, erklärt Hempel, dass es noch offen sei, ob die erhöhten Gebühren überhaupt an die Konsumenten weitergegeben werden.“ LOL m( na klar! Bei Artikelpreisen, die verbreitet unter der ZPÜ-Abgabe liegen, werden die Hersteller sich wie der Teufel darum reißen, die Abgabe irgendwie im Artikelpreis unterzubringen. Die wollen ja keinen Gewinn machen und es gibt ja auch keine ZPÜ-Unbelasteten Märkte auf der Welt. Außerdem haben wir alle so schöne Augen. Der heißt auch noch wirklich Hempel! Das muss eigentlich wieder ein gelungener Scherz irgendeines Satirikers sein :-) Ich verlange, dass sich Günter Grass mit einem Gedicht gegen GEMA und ZPÜ wendet! 8-)

(Danke an Roland für beides!)

Comments

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2012/06/11 17:56

Ich würde mir das ja tatsächlich alles gefallen lassen, wenn es denn das denn damit getan wäre.

Nur, bevor ich denn da eine MP3 auf den doppelt so teuren Speicherstick tue, muss ich die ja trotzdem noch kaufen und bezahle damit die Urheberindustrie *nochmal*. Denn diese Abgaben sind ja keine Absolution für's „raubkopieren“. Ein „illegal“ heruntergeladenes Lied wird ja nicht plötzlich zu einem legalen Download, wenn ich es auf einem abgabenbewährten Speichermedium speichere.

David Kriesel
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2012/06/12 11:36

Volle Zustimmung!

Peter Pan
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2012/07/01 09:57

…reinestes Schmarotzertum. Unglaublich mit was die alles Geld machen dürfen!!!!

Tipp:alle Gema Mitglieder kündigen und gehen in die internationale Verwertungsgesellschaft über. Wenn keine Mitglieder mehr da sind gibt es auch nichts mehr einzuziehen……




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