Die Untergang (letzter Teil). Die Ergebung

21. März 2012, abends. Link zum ersten Teil. In einem Hotel gehobenen Standards in Toulouse nach dem Abendessen. Rote Vorhänge, der Essensduft liegt noch in der Luft. Anwesend sind Präsident Sarkozy, Innenminister Claude Guéant und deren jeweilige persönliche Referenten. Zigarren in den Aschenbechern, vor jedem steht ein Glas Rotwein.

Aus dem Liveticker. Mohammed Merah hat in den vergangenen Jahren offenbar zweimal versucht, der französischen Armee beizutreten. Im Januar 2008 habe er sich in Lille um seine Aufnahme bei den Bodentruppen beworben, sagte Oberst Bruno Lafitte. Die Überprüfung der Vorstrafen habe jedoch eine Ablehnung zur Folge gehabt.

Sarkozy (riecht an einem Rotwein). „Das ihr 'abt gemacht gut bis jetzt. Bis auf das Sache mit der Iphone. Ehrlich, was ist in die Trinkwasser bei euch? Isch nicht 'abe mich geschämt mehr so fremd seit deine öffentliche Bemerkung über verschieden Kulturen neulich.“
Guéant (blickt verschämt nach unten). „Ja, das war mir so rausgerutscht, wir haben das in unsere Kabinettssitzungen so oft so gesagt, dass isch einfach …„
Sarkozy. „Schwamm drüber, Schwamm drüber. Darum 'abe isch dich auch verteidigt. Ich nicht wollte wieder anfangen davon. Außerdem das ist mit Merahs Internet gar nicht schlecht. Isch 'abe noch ein paar Internetkontrollgesetz, für die isch 'abe noch keine Anlass gefunden, über die können wir lassen abstimmen nächste Woche.“
Guéant (erleichtert). „Ja!“
Referent von Sarkozy. „Monsieur Prèsident, die Leitung zu Merah steht jetzt.“
Sarkozy. „Gut. Merah, hallo?“
Merah. „Monsieur le Prèsident, guten Abend.“
Sarkozy. „Merah, wie geht es Ihnen?“
Merah. „Monsieur Prèsident, sie mich belagern und isch nicht 'abe Wasser ni Strom und meine Pizza nicht ist gekommen, auch. Isch 'abe solche Angst, tausendmal isch 'abe mich ergeben, mais …„
Sarkozy. „Jajaja, is ja gut. Genau darüber ich wollte mit dir sprechen. Ergeben wird wann wir es sagen, und zwar morgen Mittag, verstanden?“
Merah (verzweifelt und weinerlich). „Was? Aber Monsieur le Prèsident, isch mich nicht darf ergeben jetzt schon eine ganze Tag lang. Isch 'abe solche Angst, was passiert hier? Isch nicht will sterben!“
Sarkozy. „Das ich erkläre dir alles morgen. Pass auf, wir machen einen Handel. Meine Leute haben mir gesagt, dass du dich bei der Armee und bei der Fremdenlegion beworben hast.“
Merah. „Oui. Sie haben gesagt, Waffen und Sprengstofferfahrung, alles gut, aber dass isch bin gefahren ohne Fahrerlaubnis …“
Sarkozy. „Bist du noch interessiert? Ich meine, für die Zeit nach deiner Strafe?“
Merah (jetzt völlig erstaunt, überglücklich). „Was? Wirklich? Monsieur le Prèsident? Ist das ihr Ernst?“
Sarkozy. „Ich bin der Oberbefehlshaber, oder? Klar ich kann da was machen für die ganze Stress den du mit uns hattest. Fremdenlegion ist gut, da wechselt man die Identität. Sieh das ganze als Einstellungstest.“
Merah (aufs äußerste gerührt). „Monsieur le Prèsident, alles was sie wollen! Isch 'alte durch! Isch nicht werde enttäuschen Sie!“
Sarkozy. „Schön. Dann bis morgen. Ah, noch etwas. Nur dass du weisst. Wir werden heute Nacht veranstalten vor die Haus ein bisschen Gewehr- und Granatfeuerzauber. Das ist nur für die Presse, die wollen das so. Zermürbungstaktik sie nennen das.“
Alle Anwesenden lachen kurz, auch Merah.
Sarkozy. „Schön, Merah, bis morgen dann.“
Merah. „Danke, Monsieur le Prèsident, es ist mir ein Ehr!“ (legt auf).
Sarkozy. „Na, wer sagts denn. Beauftragst du noch den Feuerzauber? Sowas kommt immer gut.“
Guéant. „Klar.“ (hat schon das Handy am Ohr, de Hauteclocque am anderen Ende.) „Oui, isch bin es. … Ja, isch 'abe gesprochen mit ihm. Er lobt deine Einsatz … quoi? Achso, mit Merah. Haben der Ergebung gelegt auf morgen Mittag. Hat es aufgenommen gut. … Oui. Weiss isch doch. Tut mir ja auch leid, dass er sitzt da schon so lange. Morgen ihm es geht besser, c'est promis… Morgen ihr geht rein. Ihr ihn treibt zu die vordere Balkone, der DCRI ihn nimmt in Empfang. Er sich ergibt, Show vorbei. Isch 'ab toutes schon organisé. Die Umfragen sehen ganz gut aus jetzt. … Pass auf, ihr könnt abfeuern über Nacht ein paar Granaten und Gewehrsalven … oui, genau, wegen die Presse. Du kennst das, hein? Genau. Nur das billige Zeug, du weisst, die Griechen … ja, Baroin morgen. … Ja? … Toll! Merci! Wir uns sehen zu den Frühstück. Bis dann!“

22. März 2012, 07.08 Uhr. Auszug aus "Die Zeit". Paris (dpa) - Die französische Polizei will den mutmaßlichen Serienkiller mit einer Zermürbungstaktik zum Aufgeben zwingen. Seit mehr als 24 Stunden belagern Hunderte schwer bewaffnete Polizisten das Haus, in dem sich der vermutliche Attentäter von Toulouse verschanzt hält. Sie haben Gas und Strom gekappt und mehrere Explosionen in der Nähe des Wohnhauses ausgelöst, um ihn einzuschüchtern. […] Die Explosionen seien Einschüchterungsmanöver, um den Druck zu erhöhen.

22. März 2012, 11 Uhr. In Sarkozys Hotel in Toulouse. Sarkozy und der Innenminister sitzen beim Frühstück, die Referenten dabei.

Guéant. „Wie steht es mit die Umfragen?“
Sarkozy (freudig). „Fast genug. Dabei die morgendlichen Pressemeldungen sind noch nicht mal durch. Wirklich gut! Bald ist der Stress vorbei.“
Guéant (zu seinem Referenten). „Rufen Sie Hauteclocque an und sagen Sie, sein Leut sollen sich sturmbereit machen, er selbst soll 'erkommen.“
Guéants Referent verlässt den Raum.
Sarkozys Referent. „Anruf für Sie, Monsieur Prèsident. Es ist Tim Cook.“
Sarkozy. „Herrgott, ich frühstücke. Wer ist Tim Cook?“
Referent. „Der Chef von die Apple Computer.“
Sarkozy. „Ist der nicht tot?“
Referent. „Das ist sein Nachfolger.“
Sarkozy. „Ah, jaja, wie auch immer. Ich habe jetzt kein Zeit. Ich frühstücke und gleich wir ficke die Terroriste …„
Referent. „Cook sagt, genau dabei er Ihnen könnte helfen!“
Sarkozy und Guéant wechseln skeptische Blicke.
Sarkozy. „Gut, stellen Sie ihn auf Lautsprecher, dann ich kann weiteressen.“
Cook. „Mister President, es ist mir eine Ehre. Ich mache es kurz. Ich habe Informationen für Sie und Ihre Leute. Merah sitzt seit mehreren Stunden auf dem Badewannenrand. Es sieht so aus, als würde er da noch bleiben. Manchmal flüstert er. 'Isch 'alte durch! Für le Prèsident! Für die Fremdenlegion!'.“
Sarkozy. „Was?! Woher Sie wissen das alles? Das ist ja unglaublich!“
Cook. „Von seinem Iphone. Zur Sicherheit unserer Kunden sind Kamera, GPS und Mikro immer an und senden uns Informationen. Was denken Sie, warum das Iphone nur einen Tag Akkulaufzeit hat.“
Sarkozy (mehr zum Minister als zu Cook). „Ist sowas erlaubt?“
Cook (kommt dem Minister zuvor). „Klar. Steht in unseren AGB, unterschreibt jeder, der ein Iphone kauft.“
Sarkozy (völlig konsterniert, sucht wie gelähmt nach der Akkuklappe seines eigenen Iphones). „Bien, Mr. Cook. Vielen Dank soweit!“
Cook. „Mr. President, ich kann sehen, was Sie da tun. Raten Sie mal, warum man den Akku aus Iphones nicht entfernen kann. Es war mir eine Ehre.“ (legt auf).
Sarkozy gibt sein Iphone zum Referenten. „Entsorgen Sie das mal.“ Referent verlässt den Raum.
Hauteclocque stößt hinzu. „Guten Morgen, tout le monde! Ders Sturmtruppen sind bereit.“
Guéant. „Guten Morgen. Sehr gut. Wir haben erhalten Informationen von einer unserer Quellen, dass Merah sich verschanzt in die Badezimmer.“
Hauteclocque. „Ah, gut zu wissen. Wir ihn treiben auf die Balkon, Ihr nehmt fest ihn?“
Guéant. „Ja, wie gestern besprochen.“
Guéants Referent. „Monsieur le Prèsident, Herr Minister, die Umfragewerte sind erreicht.“
Sarkozy (streckt sich nach dem guten Essen). „Aaach, schön, dann wollen wir mal.“ (guckt zu Guéant)
Guéant (nickt zu Hauteclocque, gütiger, freundlicher Tonfall). „Es ist Zeit. Befreie den armen Teufel.“
Hauteclocque in ein Sprechfunkgerät. „Merah ist in die Badezimmer. Stürmt nur von zwei Seiten, so dass er flüchtet zu die Balkon. Der DCRI macht den Rest. Zugriff. Zugriff.“
Guéant (steht auf, stellt sich neben Hauteclocque, beide schauen ins Leere aus dem Fenster). „Isch 'abe gestern gesagt, ich 'elfe dir. Du wirst lernen 'eute viel.“

22.03.2012, 11.30 Uhr. Auszug aus einem Bericht des Spiegel. Das Leben des Mohammed Merah endete unterhalb seines Balkons. […] Er hatte sich aus dem ersten Stock gestürzt, nachdem französische Elitepolizisten am Donnerstagvormittag seine Wohnung gestürmt hatten. Nach Polizeiangaben wurde er beim Sprung von Scharfschützen erschossen und war tot, als er auf dem Boden aufschlug.
22. März 2012, Abends. Auszug aus einem Bericht der Süddeutschen Zeitung. Sarkozy will schärfer gegen die Verbreitung radikalem Gedenkenguts im Internet vorgehen. „Jeder, der regelmäßig im Internet Seiten besucht, die den Terrorismus verherrlichen oder zu Hass und Gewalt aufrufen, wird bestraft“, sagt der Staatspräsident.
23. März 2012. Auszug aus einem Bericht des Abendblatts. In einer am Donnerstag veröffentlichten Erhebung des Meinungsforschungsinstituts BVA lag der Amtsinhaber Sarkozy mit 28 Prozent Zustimmung nur noch 1,5 Prozentpunkte hinter seinem sozialistischen Herausforderer Francois Hollande. Vor einem Monat betrug der Abstand noch fünf Punkte.

Epilog

24. März 2012, Morgens. Ein warmer Samstag in einem Café in Paris. Guéant und de Hauteclocque sitzen bei einem Kaffee. Es ist paristypischer Trubel, Autofahrer und Fahrradfahrer beschimpfen sich.

Hauteclocque (schlürft an einem Espresso). „Ah. Mmh. Besser als in der Container. 'ör mal. Isch 'abe nachgedacht. Das mit die Scharfschützen war schon hart.“
Guéant. „Oui. Isch 'abe gesagt, das erste mal ist es immer schwer. Darum isch 'abe es dir auch etwas leichter gemacht.“
Hauteclocque. „Mh. Na gut. Danke. Was macht Sarkozy?“
Guéant. „Der hat die Arbeit. Die Internetkontrollgesetze, der Wahlkampf, sein Frau, der Kind. Er dich lässt herzlich grüßen. Wir 'aben dich beide für eine Beförderung vorgeschlagen. Was sagst du?“
Hauteclocque (überrascht, die Augen blitzen auf). „Wirklich? Ich freue mich!“
Guéant. „Schön! Ich mich auch. Eine kleine Sache noch. Für die Beförderung es nicht darf so aussehen, als wärst du zu nett gewesen. Isch 'abe also eine Pressemeldung herausgegeben, dass deines Leutes auch auf der Algerier geschossen haben.“
Hauteclocque. „Mmh. Ok.“
Guéant. „Ja. Jetzt muss Sarkozy nur noch sehen, wo er herkriegt die restlichen 1,5 Prozent. Aber das schaffen wir auch noch.“
Hauteclocque. „Hatte der Algerier nicht einen Bruder …?“
Guéant (grinst spitzbübisch, riecht an seinem Espresso, murmelnd). „Ich bin stolz auf dich. Du lernst schnell. Wirklich schnell.“

24. März 2012, Abends. Auszug aus einem Bericht des Abendblatts. Am Freitag wurde indes bekannt, dass der von der Polizei erschossene Terrorist bei dem Feuergefecht der Autopsie zufolge zwei tödliche Verletzungen erlitten hat. Eine Schusswunde an der linken Schläfe und eine weitere im Unterleib seien tödlich gewesen, heißt es aus Justizkreisen. Darüber hinaus sei der Mann von über 20 weiteren Kugeln getroffen worden, zumeist an Armen und Beinen. Die Ermittler haben auf der Suche nach möglichen Komplizen entschieden, Merahs älteren Bruder sowie seine Mutter einen weiteren Tag für Befragungen in Gewahrsam zu behalten, teilte die Pariser Staatsanwaltschaft mit.
25. März 2012, Abends. Auszug aus einem Bericht der Süddeutschen Zeitung. Die Mordserie von Toulouse geht nach Auffassung der Ermittler möglicherweise nicht auf das Konto eines Einzeltäters. Die Justiz hat nun den älteren Bruder des getöteten Attentäters vorläufig angeklagt. Er muss sich wegen Komplizenschaft verantworten.

Ein letztes Mal: Lieben Dank an Fee fürs Französieren!!

Comments

fwk
|
2012/03/29 13:41

danke für eine spannende Geschichte, auch wenn sie nicht gut ausgegangen ist :-) irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Franzosen dabei nicht so gut wegkommen….




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