Wer hätte das auch ahnen können: W-Besoldung macht Professorenberuf weniger attraktiv

Spiegelartikel zum Thema, dass die W-Besoldung im Schnitt über die Professoren hinweg 25% weniger Gehalt bedeutet. Das ist natürlich etwas nachteilig für die Forschung und Lehre gerade in wirtschaftlich attraktiven Bereichen: “Während das durchschnittliche Jahresgehalt eines promovierten Ingenieurs mit etwa 81.000 Euro angegeben werden könne, liege ein W2-Professor an einer FH in Hessen bei gut 51.000 Euro. Nicht verwunderlich sei es daher, so der hlb, dass die Bewerberzahlen deutlich gesunken seien und in einer Vielzahl von Berufungsverfahren mehrere Ausschreibungen erforderlich seien.“ Genau in den wirtschaftlich attraktiven Bereichen sollten Universitäten aber nach Möglichkeit am Ball bleiben.

Ja, wer hätte damit denn auch rechnen können, dass sich Leute den universitären Weg sparen, die woanders für weniger steinige Wege fast doppeltes Gehalt und noch sonstige andere Vergünstigungen erhalten? Das hat auch gar nichts mit weniger ehrenvollen Überzeugungen zu tun, wie gerne suggeriert wird: Wenn ein junges Paar im MINT-Bereich (nur um diese Fächer geht es hier jetzt mal) zwei Kinder oder Eltern zu pflegen hat, was ist die bessere Wahl? Das Wirtschaftsunternehmen, wo es zum besseren Gehalt und unbefristeten Vertrag noch den Familienkombi und die Kinderkrippe dazu gibt und man im Anschluss noch eine bessere Schule finanzieren kann? Oder nach u.U. vielen Umzügen und befristeten Verträgen vielleicht eine Stelle als W-Professor?

An dem „vielleicht“ sieht man: Das ganze steht sogar noch unter der nicht immer realistischen Annahme, man würde überhaupt Professor – da gehören nämlich Jahre an harter Arbeit, zur-richtigen-Zeit-am-richtigen-Ort-Sein, massig Standortwechsel und natürlich auch das (überall notwendige) Glück dazu. Und selbst wenn man das alles vollbringt, ist der Professorenposten lange nicht garantiert. Wie, die zu erwartende Lebensqualität findet ihr schlechter als diejenige beim Wirtschaftsdeal? Oha, auch damit hätte wieder niemand rechnen können.

Dass es in der Informatik ähnlich aussieht wie bei den Ingenieuren, braucht nicht weiter erörtert werden. Mit anderen Worten, man hat als im MINT-Bereich suchende Universität entweder Glück und kriegt einen der absoluten Überzeugungstäter. Der kann sich dann aber in der Regel die Stelle aussuchen und erhält auch im schnellen Takt von forschungsintensiven Unternehmen Angebote, wie es auch schon Doktoranden und Diplomanden passiert. Solchen Leuten bieten auch Wirtschaftstellen kreativen Freiraum. Oder man kriegt eben die zweite Garnitur, die nicht fähig war, trotz hervorragender MINT-Jobaussichten irgendetwas in der freien Wirtschaft zustande zu bringen. Ob die Führungsqualitäten und die Weitsicht im letzteren Fall gut für eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe sind, sei dahingestellt, da kann man Glück und Pech haben.

Ich verlange übrigens nicht, dass Professoren ab sofort Spitzenverdiener sein müssen. Man macht das ja auch nicht primär fürs Geld, auch wenn ein gewisser Lebensstandard für die Leistung sicher wünschenswert ist. Zeitgleich zur neuen W-Besoldung ist bei uns in Deutschland aber die Chance im internationalen Vergleich außerordentlich gering, überhaupt Professor zu werden, wie das nebenstehende Schaubild zeigt (verwendet mit Genehmigung von Prof. Dr. Kreckel, herzlichen Dank). Das schlägt zwangsläufig auf die Motivation.

Selbst als Überzeugungstäter eines MINT-Fachs, der unbedingt an der Uni bleiben will, wird man sich also überlegen, ob man sich für die niedrigen Erfolgschancen tatsächlich ewig mit befristeten Verträgen und niedrigen Gehältern herumschlagen möchte, wenn man seine Überzeugung auch im Ausland verwirklichen kann. Dort ist dann zwar nicht das Gehalt, aber wenigstens die Chance höher, den Professorenposten auch zu erhalten. Willkommen in der Welt des Brain Drain. Die Hemmschwelle, weit entfernt zu Freunden und Familie zu sein ist groß, klar – aber ganz langsam wird das salonfähig, denn je mehr schon weg sind, desto weniger groß ist der Trennungsschmerz beim Auswandern, und die Steuersätze versüßen es zusätzlich.

Zuletzt ist festzustellen, dass die die W-Besoldung ihren vollen negativen Effekt erst noch entfalten wird. Wer sich heute auf eine Professur bewirbt, hat seine akademische Laufbahn sehr oft vor dem Einschlag der W-Besoldung begonnen. Nachfolgende Generationen können die obigen Laufbahnvergleiche also früher und fundierter ziehen, und die Weichen für ihre Zukunft entsprechend früher stellen. Das Problem wird sich in der Folge noch verstärken.

Auf die erwähnten Überzeugungstäter zielt übrigens auch der Money Quote am Ende des Spiegelartikels ab: „Wir wollen wissenschaftliche Überzeugungstäter und keine Professoren, die nur um des Geldes willen engagiert sind.“ Wunderbar. Das bringt mich zur ultimativen Lösung der Problematik. Ich schlage vor, alle wissenschaftlichen Mitarbeiter und Professoren arbeiten ab sofort ehrenamtlich.

Nach der politischen Logik gehen wir so absolut sicher, dass es wirklich Überzeugungstäter sind, haben nur noch exzellente, wissenschaftlich hochbegabte Leute UND sparen auch noch Geld! Ihr lacht? Gut, dann lege ich als weiteren Anreiz noch 70 Jungfrauen im Paradies drauf, für den Fall, dass euch als Jungprofessor der Hungertod ereilt. Es gibt ja mindestens ein Beispiel, wo Lohnverhandlungen dieser Art ganz hervorragend funktionieren.

Update: Ich bin jetzt mehrfach darauf hingewiesen worden, dass es sich um 72 Jungfrauen handelt und nicht um 70. Das ist Universitätsüblich. 2 Jungfrauen werden von der Fakultät einbehalten.

Update2: Ich kriege hier gerade Protestmail: Es wäre nur bei den Unis so schlimm. Die bei den W-Besoldungen möglichen Zulagen würden an Fachhochschulen deutlich kräftiger vergeben, da diese mehr Industriesponsoring hätten, und dort würden die W-Besoldungen dann besser sein als die C-Besoldungen. W-Besoldungen würden primär bei den Unis so geizig gehandhabt. Ich habe das so noch nicht gehört, bin aber auch kein Professor ;-) Wie weit das verallgemeinerbar ist, weiß ich also nicht, aber ich finde das im Zusammenhang sehr überdenkenswert, danke :-)

Update3: Haben mir jetzt auch schon mehrere geschickt: Taz-Artikel: Die Top-Leute bekommt man so nicht. Freut mich, dass der Artikel gelesen wird, danke für die Rückmeldungen!

Update4: Die Professorenbezahlung ist in Teilen verfassungswidrig.

Comments

Gleichstellungsbeauftragte
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2012/02/06 14:56

In den MINT-Fächern sind Professorinnen zur Zeit besonders erwünscht. Ich bitte also, Ihr diskriminierendes Angebot von „70 Jungfrauen“ auch wahlweise auf „70 Jungmänner“ zu wandeln.

fwk
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2012/02/06 15:36

…das sieht der Koran nicht vor. Bitte also dort anzusetzen. Außerdem sind den Professorinnen miese Gehälter erst recht nicht zuzumuten, da Frauen generell schlechter bezahlt werden und wir das nicht noch fördern wollen

MM
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2012/02/06 16:13

@Gleichstellungsbeauftragte

Das müsste dann korrekterweise so ausgedrückt werden: „70 JungmännerInnen“

Tja
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2012/02/06 21:08

Zu den Steuersätzen: Wir leben eben in einem Sozialstaat und nicht in einem Bildungsstaat. ;-)

Bernd
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2012/02/07 15:29

@MM In diesem Ausdruck äußern sich allerdings immer noch ein latenter Sexismus sowie eine weniger latente Gerotophobie (Ageismus). Ich schlage daher den Begriff „MenschInnen jeden Alters“ vor.

Zum Artikel selbst: Vollste Zustimmung!

Prof. A.
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2012/02/08 08:36

Den Nachtrag zu FHen kann ich aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Es würde mich eine Quelle für die etwas kühn wirkende Behauptung interessieren.

Andreas
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2012/02/08 12:19

Ich bin schon vor 8 Jahren für die Promotion nach England gezogen. Das Problem ist in Deutschland IMHO nicht, dass es nur einen geringen Anteil an Profs im wissenschaftlichen Personal gibt. Das Problem ist eher, dass die Rolle eines lecturers oder senior lecturers im deutschen System nicht vorgesehen ist. Stattdessen werden viele Lehraufgaben in Teilzeit von Doktoranden übernommen, was deren Diss häufig ziemlich hinauszögert. Hier in England kann man sich nach der Diss in Vollzeit erstellt, plus eventuell einiger Zeit als post-doc und Veröffentlichung von einigen peer-reviewed Artikeln als lecturer, sprich Dozent, bewerben. In den ersten zwei bis drei Jahren „probabition“ muss man dann zeigen was man kann, wird dann von einem Gremium geprueft, und dann wird die Stelle in der Regel entfristet. Viele lecturer werden über die Jahre Senior Lecturer, je nach Leistung einige auch Reader und einige wenige auch Professor.

David Kriesel
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2012/02/08 14:06

Lieber Prof. A., ich habe das selbst nur gemailt bekommen und wollte das nur als weitere Meinungsäußerung in den Artikel einbringen, um die „andere Seite“ nicht ganz zu vernachlässigen. Darum habe ich das auch direkt als Inhalt einer Mail deklariert – eine fundierte Statistik hierfür würde ich auch sehr gut finden. Ihr DK

Lieber Andreas, was du ansprichst ist der in Deutschland immer mehr fehlende Mittelbau – insbesondere die „Entfristung“ ist ein interessanter Punkt. In Deutschland ist es nach meiner Erfahrung genau nicht so, dass man bei guter Leistung eine Entfristung an derselben Uni erwarten kann, oder gar eine Berufung. Das ist genau der Punkt. Irgendwann läuft der Zeitvertrag aus, und dann geht man weiter, egal wie die Leistung vorher war.

Jun
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2012/02/08 19:16

Natuerlich bleiben wir nicht in der akademischen Forschung wegen der Bezahlung. Es ist die Thematik und die Freiheit zu Entscheiden, wie diese beantwortet wird. ABER es gibt nun mal ein Limit wieviel Mist man im Gegenzug fuer diese Freiheit in Kauf nehmen moechte. Wenn mangelnde Wuerdigung der Leistung und interne Machtkaempfe dazu kommen, ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem man sich fragt: „Warum mach ich das nochmal mit?“ Diese Kolumne bringt es eigentlich gut auf den Punkt: http://sciencecareers.sciencemag.org/career_magazine/previous_issues/articles/2011_02_25/caredit.a1100017

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2012/02/09 11:14

Ich habe zur W-Besoldung promoviert und sowohl die Perspektive der Hochschulleitungen als auch die der Professorinnen und Professoren bezüglich der Erfahrungen und der Einschätzung der W-Besoldung untersucht. Insgesamt ergibt sich ein uneinheitliches Bild: Die Universitätsleitungen gehen ganz unterschiedlich offensiv mit der W-Besoldung um. Bisher scheint das Instrument nicht oder nur begrenzt für eine aktive „Personalpolitik“ genutzt zu werden.

Demgegenüber befürworten die W-Besoldeten Professorinnen und Professoren das Leistungsprinzip und kritisieren gleichzeitig die zunehmende Gehaltsspreizung (und natürlich das Grundgehalt). Außerdem wird die W-Besoldung als ungerecht bewertet, da Struktureigenschaften der Fächer und Disziplinen in den Augen der Professorinnen und Professoren die Höhe der Zulagen mehr bestimmt als die erbrachte Leistung (von der Problematik der Messung wissenschaftlicher Leistungen ganz abgesehen).

Einige Ergebnisse habe ich auf der Seite http://www.w-besoldung.net/forschung zusammengefasst.




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