Naturwissenschaft, Informatik, Realsatire, Photos. Und Ameisen in einem Terrarium.

Ich bin Informatiker mit biologischem Interesse und forsche an Algorithmen für dezentral organisierte Systeme. Konkret sind das gerade Schwärme von Robotern. Die Gedankengänge sind aber universell verwendbar: Je weniger globale Abhängigkeiten existieren, desto skalierbarer und robuster ist ein System. Jeder Blick in die freie Natur unterstützt mich in dieser Denkweise. Manchmal lenke ich mich vom Forschen ab, indem ich mein Script weiterschreibe oder meine Ameisenkolonie photographiere (auch so ein dezentrales System).




Anonymous presst Entführten von mexikanischem Drogenkartell frei

Die Drohung war, Informationen über Mitglieder und Strukturen des Kartells zu veröffentlichen, was den sicheren Tod der betroffenen bedeutet hätte. Solche Daten lagen Anon wohl vor. Die Aktion dauerte wenige Tage und dürfte signifikant effizienter gewesen sein als jeder staatliche Befreiungsversuch. Man sieht wieder die erste Grundregel: Cyberwar macht, wer's kann.

Jetzt kommen die üblichen „Reaktionen der weniger fähigen im Nachhinein“. Es wird gefordert, die Kartelldaten dennoch zu veröffentlichen, ganz besonders Weinerliche reden vom Komplizentum Anons bezüglich des Kartells 8-O, falls eine Veröffentlichung unterbleibt. Wer so weint, sollte erstmal satisfaktionsfähig werden. Wer ohne Waffen und gewaltfrei in wenigen Tagen eine solche Aktion gegen ein bewaffnetes Kartell durchdrückt, braucht sich um solches Geweine wirklich nicht zu scheren.

Ich an Stelle von Anon würde das nicht machen, sondern unabhängig bleiben und mich an die getroffene Abmachung halten, sonst ist der nächste Entführte direkt in irgendeinem Straßengraben oder die Situation eskaliert anderweitig. Anons Ziel ist erreicht, damit ist es gut, kein Blutvergießen provozieren. So erhält man sich auch auf allen Seiten den für die Sicherheit notwendigen Respekt. Außer bei den Weinern.

Wer mal gucken möchte, ob seine Bekannten psychisch krank sind ...

kann das dank einer Sicherheitslücke bei einem Dienstleister für soziale Dienste jetzt machen. Behörden- und Klinikbriefe, medizinische Befunde und psychologischen Dokumentationen konnten angeblich heruntergeladen werden. Hat ein betroffener Patient in irgendeiner Form eine höhere Anstellung, ist der wohl jetzt nicht mehr gut gelitten, oder zumindest erpreßbar. Mal gespannt, was es da an Neuigkeiten gibt bald :-)

Ohne jetzt gleich Paranoia hervorrufen zu wollen: An so etwas kann man sehen, wie vorsichtig wir bei jeglicher Zentralisierung von Daten sein müssen, Stichwort Gesundheitskarte. In dem Moment, wo solch relevante Daten für eine ganze Nation auf einer zentralen Infrastruktur liegen, wird es ernsthafte Angriffe geben. Das ganze ist dann sozusagen cyberwarfähig, und Cyberwar macht, wer's kann. Solange solche Hochbegabten die Daten sichern, ist es dann aber kein Cyberwar, sondern ein Cyberspaziergang. ;-)

"Sicherheitsstufe deines Facebook-Kontos: Mittel"

… diese Schrift prangt im Moment gut sichtbar am rechten Rand meiner Facebookseite. Aus Interesse habe ich natürlich mal draufgeklickt. Dort darf ich dann weitere persönliche Daten eingeben (z.B. will Facebook direkt die Handynummer haben), die ich dann irgendwann nutzen kann, um mein Konto zu entsperren. Je mehr Daten man eingibt, umso sicherer, was? Herrliche Datensammeltaktik, Facebook 8-)

IPv6 hat mehr Gefahrenpotential als die Entdeckung der Kernspaltung

… findet Herr Keuner von der SPD. Im Kern macht er sich wohl um die mögliche Nachverfolgbarkeit von IPV6fähigen Geräten Gedanken, da jedes Gerät im Grunde seine eigene Adresse zugewiesen bekommen könnte. Forderungen wie „eine IPv6 darf nicht geheim installiert werden“ lassen einen natürlich dennoch sehr über die technische Kompetenz derjenigen nachdenken, die zu technischen Sachverhalten ihre Meinung beitragen. Der Rest des Textes liest sich auch gut :-)

Angst essen Seele auf

Spiegelkommentar: „Die Antwort des norwegischen Ministerpräsidenten auf den Massenmord: Noch mehr Offenheit, noch mehr Demokratie. In Deutschland dagegen verlangen Politiker und Polizeifunktionäre mehr Überwachung […] weil sie Angst vor dem Internet haben.“ Trifft es meines Erachtens auf den Kopf. Unter dem Motto „Angst essen Seele auf“ und völlig unbelastet von Fachwissen werden reflexartig Überwachungsideen gegen z.B. „Krude Gedanken“ vorgeschlagen, die entweder …

Großer Datendiebstahl bei Sony

Sonys PSN-Kundendatenbank abgesaugt. Das ist nicht irgendeine Klitsche, sondern ein IT-Welt-Unternehmen, die eigentlich von Storage was verstehen. Je größer und sensibler der Datensatz, desto mehr angreiferseitiges Interesse, und so sollte selbst der, der nur Gutes im Sinn hat, ohne Not keine großen Personendatensätze zentralisiert ablegen.

Kriminalstatistik: Vorratsdatenpeicherung überflüssig

Udo Vetter skizziert anhand der Kriminalstatistik NRW den Sinn und Unsinn der Vorratsdatenspeicherung. Fazit: Die Aufklärungsquote von Internetvergehen ist ohnehin schon überdurchschnittlich, insbesondere ist sie nach Kippen der Vorratsdatenspeicherung nicht gefallen, und Internetvergehen machen auch nur 4.4% der Gesamtmasse aus, Tendenz sinkend. Na dann B-)

Wikileaks per T-Shirt unterstützen

Auf GetDigital kann man ein Wikileaks-Shirt kaufen – 5 Euro vom Kaufpreis gehen direkt an Wikileaks. Hierzu noch was witziges: Amerikanische Nachrichtendienste blasen zum Angriff auf Wikileaks – leider wurde das zugehörige Dokument geleakt :-)

Petition gegen ELENA

Es gibt HIER eine Petition gegen das ELENA-Verfahren (elektr. Entgeltnachweis), federführend wieder der Anwalt Starostik, den ja viele schon von der Vorratsdatenspeicherungs-Beschwerde kennen. Die Zeit drängt: Einsendung ist nur noch bis zum 25.03. möglich, und zwar schriftlich! (Danke, Aldi)

Vorgehensweise

Das ganze kostet so zwei bis drei Minuten:

  1. Auf die Petitionsseite gehen
  2. Teilnehmen und Daten eingeben
  3. Mail erhalten
  4. In der Mail den Bestätigungslink klicken und PDF drucken
  5. Wichtig: PDF unterschreiben
  6. Das ganze in einen Fensterumschlag stecken, frankieren und absenden.

Kurze evolutionäre Betrachtung des Digital Rights Management

Kurze evolutionsbiologisch angehauchte Durchsage zum Digital Rights Management, zu dessen mutmaßlicher Zukunft – und warum z.B. der Hersteller Ubisoft es so übertreibt, dass er zusätzlich zum erwarteten kurzfristigen Schaden langfristig noch viel mehr Schaden davontragen wird.

Aktueller Fall

Extrem kurze Zusammenfassung (wer mehr Informationen will, klickt einfach auf die Links):

  1. Digital Rights Management (DRM) ist eine Erfindung der Neuzeit. Es macht möglich, dass man über gekaufte Inhalte (Lieder, Filme, Spiele, …) nicht wirklich frei verfügen kann, sondern der Zugriff herstellerseitig gesteuert wird. Salopp gesagt fragt das Produkt (Lied, Film, Spiel, …) bei jeder Benutzung beim Hersteller um Erlaubnis. So kann dieser jederzeit den Zugriff sperren, oder einfach Daten darüber speichern, wann welcher Benutzer welches Produkt nutzt. DRM ist in letzter Zeit groß in Mode gekommen, hat sich aber z.B. bei Musik schlussendlich nicht durchsetzen können. Dafür nutzt es die Spieleindustrie im Moment um so mehr: Viele Spiele verbinden sich beim Spielstart zu den Herstellern und fragen um Starterlaubnis. Offensichtlicher Nachteil: Ist man nicht online, kann man nicht spielen. Manche Spielehersteller sehen hierfür auch eine kleine Abschwächung ihrer DRM-Technologie vor, einen sog. Offline-Modus, in dem die Spiele nicht beim Server nachfragen (meist verbunden mit irgendwelchen Nachteilen beim Spiel). Da oftmals auch Produkte an einen bestimmten Benutzer gebunden werden, wird auch der Weiterverkauf erschwert oder gar verboten, was die Verkaufszahlen in die Höhe treiben soll.
  2. Ubisoft ist ein großer, renommierter Spiele-Publisher mit eigenen Entwicklungsstudios und einem großen Portfolio an populären entwickelten Spielen. Ubisoft hat in letzter Zeit mit einem besonders restriktiven DRM-Vorhaben von sich reden gemacht: Wer spielen will, muss dauerhaft online sein. Wenn bei jemandem die Verbindung abbricht, hat der Pech gehabt, selbst Spielstände liegen nämlich auf dem Internetserver. Dies gilt selbst für Spiele, die fürs Spielen gar nicht auf eine Onlineverbindung angewiesen sind (also insbesondere auch Single-Player-Spiele). Die Spiele können auch bei der permanenten Datenübertragung kurz einfrieren, etc.
  3. Dieser restriktive DRM-"Schutz" wurde geknackt. Wer sich eine Raubkopie besorgt, spielt störungsfrei.
  4. Nun sind die DRM-Server von Ubisoft abgestürzt, so dass die legal gekauften Spiele nicht mehr um Erlaubnis fragen können.
  5. Fazit: Ehrliche Käufer können nicht spielen, wer sich eine Kopie besorgt hat, schon.

Herzlichen Glückwunsch zur guten PR, Ubisoft. Das ist übrigens nicht das erste mal, dass DRM zu solchen Sachverhalten führt.

Der evolutionäre Nachteil des Ubisoft-DRM ...

  • … liegt nicht in der Tatsache begraben, dass man etwas kauft, über dass man nicht selbst bestimmen kann. Er liegt auch nicht in Datenschutzrechtlichen Aspekten. Spielepublisher wie Ubisoft setzen zurecht darauf, dass die träge Masse der Spieler einfach annimmt, was vorgegeben wird. Der Standardverbraucher tut, wie ihm geheißen – da mögen die Stimmen einiger weniger „Aufgeklärter“ :-) sich noch so schrill bemerkbar machen. Den meisten Usern ist es egal, was für Daten über sie gesammelt werden oder ob jemand anders die von ihnen erworbenen Produkte fernsteuern kann. Hier geht den DRM-Behafteten Spielen also nur im marginalen Bereich evolutionäre Fitness verloren – wenn überhaupt.
  • Selbst bei den genannten Standard-Usern erzeugt aber Unmut, wenn man für etwas bezahlt hat, das dann nicht funktioniert. DRM-Systeme sind ein unnötiger, zusätzlicher Point of Failure. Geht etwas schief, erhält genau der von allen so verteufelte Raubkopierer einen Vorteil: Er kann, ohne gezahlt zu haben, spielen. Die ehrlichen dagegen haben bezahlt und können nicht spielen. Durch diese zusätzliche, signifikante Fehlerquelle kann die evolutionäre Fitness eines DRM-Spiels im Vergleich zu einem gleich spaßigen Nicht-DRM-Spiel nur kleiner sein – selbst, wenn das DRM perfekt bequem realisiert ist. In der Realität gibt es aber kein solch perfektes DRM. Dass DRM-Systeme den Geist aufgeben, ist durchaus alltäglich, und ohnehin kostet eine Serverinfrastruktur für die Erlaubnisanfragen Geld und wird i.d.R. nach ein paar Jahren abgeschaltet (mit der Folge, dass die legal gekauften Spiele nicht mehr funktionieren, ganz im Gegensatz zu den Raubkopien). Ein Gegenbeispiel mit hoher evolutionärer Fitness wäre Blizzards StarCraft: Das ist 1998 herausgekommen, hatte keinen Kopierschutz, wurde millionenfach verkauft und wird heute noch gespielt. Bald kommt der Nachfolger raus, der wird sich mit Sicherheit schon aufgrund der hohen Fitness des Namens „StarCraft“ enorm gut verkaufen. Solche Zeiträume und Gesetzmäßigkeiten passen aber leider nicht in das BWL-Quartalsdenken.

Die evolutionäre Zukunft

  • Übernahme evolutionärer Nischen: Wann immer sich in der Evolution ein Lebewesen zu schade für etwas war, hat es automatisch das Entstehen von einem Nachfolgelebewesen gefördert, das die Nische ausfüllt und danach oftmals seinen Vorgänger aussterben lässt. Prognose also: Im Streben nach Gewinnmaximierung und dem Kampf gegen Raubkopierer werden mehr ehrliche Kunden abgewürgt als Raubkopierer, und vor allem züchtet man sich einen Konkurrenzmarkt für DRM-Freie Independentspiele heran.
  • Koevolution: Gleichzeitig sorgt man dafür, dass sich für immer bessere Kopierschutzsysteme immer bessere Cracker selbst ausbilden. Das nennt sich Koevolution und ist in der Natur allerorten zu beobachten. Mehrere Parteien treiben sich durch immer neue Ausprägungen gegenseitig ihre evolutionäre Fitness in die Höhe. Bäume wachsen höher, damit man die Blätter nicht abfressen kann, Giraffen kriegen lange Hälse. Fledermäuse jagen Motten mit Ultraschall, die Motten kriegen schallschluckendes Fell, danach lernen Fledermäuse evolutionär, die Ultraschallfrequenz zu variieren.
  • Schönes Beispiel für diesen neuen, aufstrebenden Markt: World of Goo. Geschicklichkeitsspiel, einfach, preiswert, für jeden sofort spielbar, tolle Idee und absichtlich DRM-Frei. Nebenbei läufts auf allen wichtigen Betriebssystemen und auch auf schwächeren Rechnern. Zahl der Programmierer: 2. Entwicklungsstudio: Fehlanzeige, die haben das im örtlichen Starbucks geschrieben (wo die sich über Jahre täglich hingesetzt haben). Besserer Kaffee, weniger laufende Kosten als ein Büro. Das habe ich mir übrigens gekauft. Die Hersteller schätzen offiziell, dass 90% der Spieler auf einer Raubkopie spielen, es ist ihnen egal – und sie verarmen trotzdem nicht.

Aber die Evolution hätte ja auch keine Wirkung wenn nicht jeder, der einen naturwissenschaftlich nachweisbar falschen Weg verfolgt, diesen nicht auch bis zum Tod verfolgen würde, oder? :-D

Hier noch eine nette Bildergeschichte, die satirisch das Spielerlebnis der Ubisoft-Raubkopierer mit dem der Spielekäufer vergleicht (via fefe).

Recent changes RSS feed Creative Commons License Donate Minima Template by Wikidesign Driven by DokuWiki